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Macht Musik klug?
Ein Tagungsbericht
Am 8. und 9.April fand in der Universität in Leicester (UK) die diesjährige Jahrestagung der britischen Society for Research in Psychology of Music and Music Education (SRPMME) statt - eines sehr aktiven Verbandes von Musikpsychologen und Musikpädagogen, der stärkere Beachtung verdiente. Diese internationale Konferenz stand unter dem Thema THE EFFECTS OF MUSIC.
In einer relativ kleinen, aber hochkarätig besetzten Expertenrunde wurden in insgesamt 23 Referaten und 8 Poster-Päsentationen neue Forschungsergebnisse zu den vielfältigen Wirkungen der Musik vorgestellt. Schon die Einladung von Frances Rauscher (USA) als Keynote Speaker legte einen Schwerpunkt auf die Bedeutung des sogenannten "Mozart Effekts" nahe, eines kognitiven Effekts also, der diese populäre Bezeichnung 1995 von Journalisten, nicht von den musikpsychologischen Forschern erhalten hatte. Gemeint ist der Effekt, daß das Hören von Mozarts Klaviermusik im Vergleich mit Minimal Music und Stille zu einer kurzfristigen Leistungsverbesserung bei einer bestimmten Aufgabengruppe in einem Intelligenztest führt, bei der es um die räumliche Vorstellung geht. Seit dieser Zeit geistert der sog. Mozart-Effekt durch die Presse, wird kommerziell genutzt (s. www.mozarteffect.com) und beschäftigt Pädagogen- wie Politikerköpfe.
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Als besonders wohltuend wirkte daher die versachlichte Diskussion um die unterschiedlichen kognitiven, affektiven und psychosomatischen Wirkungen der Musik, die auf der Grundlage konkreter Forschungsergebnisse im offenen wissenschaftlichen Diskurs geführt wurde. Dabei war völlig unbestritten, daß die verführerische Formel "music makes you smart" so generell nicht haltbar ist. Frances Rauscher, auf deren Untersuchungen der Mozart-Effekt zurückgeht, machte es in ihrem Eröffnungsvortrag unmißverständlich klar: "The claims of an effect of music training on children's overall intelligence are not supported by data". Ebenso klar war aber auch, daß es offenbar ein Bedürfnis zu geben scheint, eine klug-machende bzw. eine das Sozial- und Intelligenzverhalten positiv beeinflussende Wirkung der Musik zu finden. So schlagen gerade jetzt wieder die Wogen hoch: Die Wochenzeitung DIE ZEIT bringt ganzseitig im Feuilleton (sic!) ein Gespräch mit Hans Günther Bastian zum Thema "Musik macht klug"; gleichzeitig strahlt der SWR eine Reportage "Klug und friedlich durch Mozart und Mahler" aus und erhält Kreusch-Jacobs schönes Buch zur frühen Musikerziehung einen neuen, reißerischen Titel "Musik macht klug" (siehe Rezensionen), während in der naturwissenschaftlichen Fachzeitschrift "Nature" der Nachweis eines Mozart-Effekts erneut in Frage gestellt wird. Wer immer noch populistisch mit der Formel "Musik macht klug" wirbt, setzt sich nach der Konferenz in Leicester dem Verdacht wissenschaftlicher Unseriosität aus.
Die SRPMME-Konferenz zeichnete anhand ganz unterschiedlicher Untersuchungen ein viel differenzierteres Bild nachweisbarer Effekte. Madeleine Zulauf ließ 12 Jahre Schweizer Schulversuche kritisch Revue passieren. Sherman Vander Ark führte die Wirkung von Musik auf den Organismus auf neurochemische Veränderungen zurück. Frances Rauscher und Wilfried Gruhn stellten neue Resultate aus der Hirnforschung vor, die Effekte innerhalb ganz bestimmter Bereiche neuronaler Vernetzung (interne Effekte wie die Ko-Aktivierung verschiedener Areale) zeigen, nicht jedoch zwangsläufig externe Transfer-Effekte nahelegen. Vielmehr zeigen sich interne Effekte bei der Verbesserung der räumlichen Vorstellung, bei der Ko-Aktivierung verschiedener Hirnareale beim Spielen und Lesen von Musik oder bei einem signifikanten Zusammenhang zwischen Bewegung und Stimmproduktion. Eine Reihe von Untersuchungen war weiteren kognitiven Effekten von Musik allgemein (Katie Overy, Alexandra Lamont) und Hintergrundmusik (Susan Hallam, Anne Savan), von Trainingsformen (Andrea Kilgour) mit ihren psychologischen und therapeutischen Implikationen gewidmet. Bestechend der ganz unsentimentale, persönlich engagierte Report von Anne Savan, einer Lehrerin an einer Schule für Lernbehinderte, die evidente Verhaltensänderungen während und nach dem Einsatz von Mozart-Musik im naturwissenschaftlichen Unterricht beobachtete. Erklärungen dieses Phänomens bedürfen aber noch einer exakten experimentalpsychologischen Überprüfung.
Ein vorläufiges Fazit: Musik hat einen Effekt auf den Menschen, auch und gerade auf sein Gehirn und dessen Verarbeitungsmechanismen; das wußten wir aber schon immer. Nachweisbar ist dieser Effekt in vielen Teilbereichen. Auch kognitive Verarbeitungsprozesse können durch musikalisches Training angeregt und intensiviert werden. Aber all das reicht nicht aus, schon von einem Effekt auf die allgemeine Intelligenz zu sprechen. Wirklich "harte" Daten aus der Hirnforschung, die einen Transfer-Effekt belegen, sind rar oder fehlen ganz. Daher ist es eher geboten, sehr sorgsam mit diesem Begriff umzugehen, der vielleicht zutreffender durch die Unterscheidung von internen und externen Effekten ersetzt werden sollte.
Wilfried Gruhn