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20.01.2000
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Diedrich Diederichsen:
Der lange Weg nach Mitte
Diedrich Diederichsen, Professor an der Merz-Akademie in Stuttgart, hat sich einen Namen als Mitarbeiter von "Sounds" und "Spex" gemacht, den Flaggschiffen des deutschsprachigen "avancierten Musikjournalismus", wie diese journalistische Gattung von Ralf Hinz in seiner 1998 erschienenen Dissertation "Cultural Studies und Pop" benannt wurde. Diese beiden Pole markieren allerdings nicht nur die Bandbreite der Tätigkeit dieses in einigen Kreisen als Kult-Theoretiker angesehenen Autors, sondern sie verweisen zugleich auch auf zwei andere Sachverhalte:
Der avancierte Musikjournalismus bildete sich Mitte der 60er Jahre heraus. Im Gegensatz zu dem bislang üblichen Musikschriftum, das sich der Rockmusik "von außen" näherte und über Popphänomene vorwiegend negativ urteilte, argumentiert der avancierte Musikjournalismus aus der Insider-Position. Diese Art der Rockkritik befindet sich in einem parasitären Verhältnis zu der Musikszene und stellt eine Art "ideologischen Überbau" diverser musikalischer Subkulturen dar. Mit seinem spezifischen Schreibstil - Poschardt (1997) sprach in diesem Zusammenhang vom "wild herum interpretierende(n) Popintellektualismus" - leistet der avancierte Musikjournalismus einen ausschlaggebenden Beitrag nicht nur zum Selbstverständnis bzw. zu der Selbstinszenierung und Selbstideologisierung der einzelnen Musikszenen, sondern auch zu deren Rezeption durch unterschiedliche Segmente der kulturellen Öffentlichkeit. Inhaltlich suchte diese sich zunächst am Gedankengut der "Neuen Linken" und später an der Subkulturforschung bzw. an den Cultural Studies orientierende Rockkritik vorwiegend nach jenen Gehalten musikalischer Jugendkulturen, die dem Revolutionsmythos entsprachen bzw. der Rockmusik "political correctness" und "revolutionäres Feuer" attestierten. Hierdurch wurde dieser musikalische Bereich mit bestimmten sozialen und politischen Konnotationen beladen, die sich im Laufe der Zeit derart verfestigten, daß sie nicht nur als Erklärungsmodelle für das musikalische Handeln dienen, sondern rückwirkend auch die musikalische Produktion maßgebend beeinflussen. In einem derartigen Zusammenhang sind auch die ersten Kritiken von Diederich Diederichsen zu lesen, die 1989 in dem bei Kiepenheuer & Witsch unter dem Titel "1.500 Schallplatten. 1979 - 1989" erschienenen Sammelband zusammengefaßt wurden. Wie das vergleichbare anglo-amerikanische Schrifttum, ging auch Diederichsen in seinen Rezensionen von einer Parallelität von Musik und Politik aus bzw. er benutzte das Medium Plattenkritik, um allgemeine Erwägungen zum jeweiligen Stand von Musik, Ideologie und Politik anzustellen. Mit dieser Form der Schreib- und Redeweise über die Popmusik etablierte er einen intellektuellen Diskurs, der für die Folgezeit Maßstäbe setzte. In Nachfolge der Studentenrevolte diente der avancierte Musikjournalismus vor allem linken Intellektuellen als eine Projektionsfläche für die Behandlung von bestimmten politischen Sachverhalten. Spätestens mit dem Aufkommen der Nazibands brach allerdings aufgrund der Tatsache, daß die subkulturellen Stilmittel der bislang diffus-linken Jugendkulturen auch von den rechtsextremen Jugendlichen vereinnahmt wurden, dieses Gedankengebäude weitgehend zusammen. Das Konzept von der Rockszene als genuin linkes Oppositionsmilieu war am Ende, und auch Diederichsen, der das Spiel mit den verbotenen Zeichen zunächst noch im Sinne einer "Subversion-durch-Affirmation-Kampagne" verteidigte, um auf dem Umweg der "affirmativen Überkodierung" auch politisch ambivalenten Produktionen Überreste der "political correctness" abzugewinnen, verabschiedete sich vom Glauben an die "Rockrevolution" in einem 1992 in "Spex" unter dem Titel "The kids are not all right" erschienenen Artikel: Eine weiterführende theoretische Auseinandersetzung mit diesem Problem wurde in dem 1993 von Max Annas und Ralph Christoph herausgegebenen Buch "Neue Soundtracks für den Volksempfänger. Nazirock, Jugendkultur & Rechter Mainstream" unternommen. "Es gehört nicht mehr zum guten Ton ... sich zur Linken zu rechnen. Im Gegenteil, es gehört zum guten Ton, sich über das, was man neuerdings links-rechts-Differenz nennt, lustig zu machen", konstatierte Diederichsen in seinem 1993 ebenfalls bei Kiepenheuer & Witsch herausgegebenen Buch "Freiheit macht arm. Das Leben nach Rock'n'Roll". Angesichts dieser postmodernen Haltung des ästhetischen/politischen "everything goes", löste sich die "linksradikale Rhetorik", die beispielsweise bei Gruppen wie "Country Joe & the Fish" oder "Jefferson Airplane" noch starke Bezüge zu konkreten politischen Anlässen besaß, von der Realpolitik ab und entwickelte sich zu einer allgemeinen Utopie der symbolischen Dissidenz: Der zunehmende Verlust des politischen Horizontes der populären Musik ging mit der Individualisierung des Konsums von Kulturgütern, der Differenzierung von sozial-ästhetischen Gruppierungen und dadurch mit einer Desintegration des ursprünglich weitgehend kohärenten Oppositionsmilieus in zahlreiche subkulturelle "tribes" einher, sodass die Vervielfältigung kultureller Felder zu einer Inflation von Lifestyle- und Politsekten führte. Das Buch "Der lange Weg nach Mitte. Der Sound und die Stadt", das gemeinsam mit den Abhandlungen "Freiheit macht arm" (KiWi 1993, 323 S.) und "Politische Korrekturen" (KiWi 1996, 429 S.) eine Trilogie darstellt, spiegelt deswegen nicht nur den letzten Stand, sondern zugleich auch den Wandel der Poptheorie von den frühen 80er Jahren bis heute wider. Die Publikation bündelt unter einem gemeinsamen Motto eine Reihe von neuen und alten, teilweise überarbeiteten Texten, die für sehr unterschiedliche Foren verfaßt wurden: Für Popmusikzeitschriften, das akademische Vortragspublikum sowie liberale und linke Tageszeitungen. Diesen Zielgruppen entsprechend wechseln sowohl der Tonfall und die Darstellungsformen wie auch das Anspruchsniveau der einzelnen Beiträge. Der Untertitel des behandelten Buches "Der Sound und die Stadt" weckt Assoziationen an den Klassiker der Popgeschichte "The Sound of the City" von Charles Gillet. Doch Diederichsen geht in seiner Abhandlung von anderen Voraussetzungen aus, indem er Musik und Sound nicht als ein akustisches Abbild der Metropolis, sondern als zwei gleichwertige, obwohl miteinander eng verbundene kulturelle Biotope versteht. Das zentrale Thema des Buches bildet deswegen die unmittelbare Beziehung zwischen der Stadtpolitik und der Popkultur, ein wertvoller Ansatz, der allerdings nicht in allen Beiträgen stringent durchgehalten wird. Dies ist eigentlich schade, denn - in Anlehnung an das "localities"-Konzept der anglo-amerikanischen Cultural Studies - bietet die Stadt als Kulturraum mehr Anhaltspunkte für eine intellektuelle Auseinandersetzung, als sie von Diederichsen berücksichtigt wurden. Aus diesem Grund ist die Rezensentin insbesondere von jenen Beiträgen angetan, die sich mit diesem Thema direkt befassen. Dies betrifft hauptsächlich das vierte Kapitel mit dem Titel "Die Stadt" (S. 197ff), das einer Darstellung der konkreten Orte des Geschehens, wie etwa des Künstlerviertels, gewidmet wurde. Diederichsen schildert diese urbanen Konglomerate als ein spezifisches Biotop, in dem die Kultur nicht im Sinne einer Darstellungsform gepflegt, sondern als eine spezifische soziale Praxis gelebt wird: Zu diesem Thema würde sich die Rezensentin eine ganze Publikation wünschen. Aber dies ist wahrscheinlich keine Aufgabe für Diedrich Diederichsen. Seine Stärke liegt nicht in der wissenschaftlichen, mit empirischen Ergebnissen belegten Beweisführung, sonder eher in der brillanten, obwohl manchmal auch riskanten Herstellung von vielfältigen Bezügen, die der Behandlung von Kulturphänomenen teilweise neue und unerwartete Betrachtungsperspektiven eröffnen. Dem politischen Vokabular mag teilweise die mangelnde analytische Schärfe vorgeworfen werden, der Beweisführung soziologische Überinterpretationen. Auch kann der Leser der Anwendung von politischer Rhetorik als Werkzeug einer diskursiven Auseinandersetzung mit populärer Musik skeptisch gegenüberstehen. Wohl kann sich aber keiner, der sich wissenschaftlich oder pädagogisch mit der populären Musik befaßt, leisten, diese Art der "Poptheorie" außer Acht zu lassen, denn die Abhandlungen von Diedrich Diederichsen vermitteln nicht nur eine spezifische Form der Zeitdiagnose (Vorwort des Herausgebers), sondern sie bilden auch die Voraussetzung für das Verständnis einer spezifischen Reflexions- bzw. Interpretationsweise von populärer Kultur. Last but not least muß noch auf Diederichens eleganten Sprachstil verwiesen werden. Sein Schrifttum hat durchaus literarische Qualitäten.
Weiterführende Literatur: Annas, M. & Christoph, R. (Hg.) (1993): Neue Soundtracks für den Volksempfänger. Nazirock, Jugendkultur und Rechter Main-Stream. Berlin, Amsterdam: Edition ID Archiv. Diederichsen, D. & Hebdige, D. & Marx, O. D. (1983): Schocker. Stile und Moden der Subkultur. Reinbek: Rowohlt. Diederichsen, D. (1989): 1.500 Schallplatten 1979 - 1989. Köln: Kiepenheuer & Witsch. Diederichsen, D. (1993): Freiheit macht arm. Das Leben nach Rock'n'Roll. Köln: Kiepenheuer & Witsch. Diederichsen, D. (1996): Politische Korrekturen. Köln: Kiepenheuer & Witsch. Heuger, M. & Prell, M. (Hg.)(1995): Popmusic. Yesterday - today - tomorrow. Forum Musikwissenschaft. Band 1. Regensburg. Hinz, R. (1998): Cultural Studies und Pop. Zur Kritik der Urteilskraft wissenschaftlicher und journalistischer Rede über populäre Kultur. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag. Holert, T. & Terkessidis, M. (Hg.)(1996): Mainstream der Minderheiten. Pop in der Kontrollgesellschaft. Berlin: Edition ID-Archiv. Poschardt, U. (1997): DJ Culture. Diskjockeys und Popkultur. Reinbek: Rororo. Testcard. Beiträge zur Popgeschichte (1995ff). Mainz: Jens Neumann Verlag. Alenka Barber-Kersovan
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