Klaus Neumann-Braun (Hg.): Viva MTV! Popmusik im Fernsehen.
Frankfurt a. M.: edition suhrkamp 1999. 352 S. DM 24,80

Ist das Musikfernsehen knapp zwanzig Jahre nach der Entstehung von MTV "audiovisuelles Gesamtkunstwerk, Kreuzzug der Rockindustrie oder neuer Bürgerkanal? Was fasziniert das Publikum an der Populären Musik und den zeitgenössischen Formen ihrer Präsentation?" (2) Ist der Videoclip ein postmodernes Kunstwerk oder ein Werbefilmchen? (7) Ausgehend von diesen Fragen hat der Soziologe Klaus Neumann-Braun unter Mitwirkung von Axel Schmidt einen umfassenden Sampler zur Ästhetik und Ökonomie von Populärer Musik im Fernsehen zusammengestellt. Der Band enthält auf rund 350 Seiten 13 ausführliche Beiträge zur Entwicklung und gegenwärtigen Situation der verschiedenen Musikfernsehkanäle und der in ihnen präsentierten Produkte. Neben einer Aufarbeitung der Geschichte von MTV und des deutschen Ablegers VIVA finden sich Aufsätze zur Produktion von visueller Musik, Studien zur Nutzung und Rezeption von Videoclips und Musikfernsehen und so detaillierte wie exemplarische Videoclip-Analysen zu Produktionen von Madonna, Michael Jackson, Prince, The Prodigy, Will Smith, The Cult of Personality und Robert Miles. Die insgesamt 16 Autoren und Autorinnen vertreten ein breites fachliches Spektrum: Soziologie und Medienwissenschaften, Politologie, Psychologie, Sozialpsychologie, Sprach- und Musikwissenschaft sowie Medienpraxis und künstlerische Praxis verschiedener Stilbereiche Populärer Musik.

Die Feststellung Axel Schmidts, kein anderes populärkulturelles Phänomen habe "eine derartig umfassende akademische Beachtung in so kurzer Zeit erfahren" (93) wie Videoclips und Musikfernsehen, bezieht sich wie erwartet nicht auf musiknahe akademische Disziplinen. So beklagt Neumann-Braun, "dass es vergleichsweise wenig Produktanalysen von Musikvideos gibt, in deren Zentrum die jeweilige Musik steht" (20). Auch im vorliegenden Band werden neben dekontextualisierten Produktanalysen vor allem Untersuchungen zur soziologischen und ökonomischen Dimension des Musikfernsehens sowie zu kulturhistorischen, textanalytischen, technologischen und medienökonomischen Grundlagen vorgestellt. Die Zurückhaltung musiknaher Wissenschaften beim Thema Musikfernsehen wie bei vielen populärkulturellen Themen kommt nicht von ungefähr, sind doch Erfolg oder Misserfolg bestimmter Clips ebenso wie deren Gestaltung und Ästhetik oder Programmentscheidungen weniger "eine rezeptions- oder produktästhetische Frage als vielmehr eine Frage nach Strukturen und Dynamiken des Musikbusiness" (93). Hier sind die musiknahen Wissenschaften verständlicherweise weder in der Lage noch zuständig, kompetente Analysen anzustellen. Andererseits: Da die im vorliegenden Buch behandelten Themen aus Sicht von Kindern und Jugendlichen selbstverständlich in den Musikunterricht gehören, sollte zumindest in der Musikpädagogik an Stelle eines oft uninformierten Kulturpessimismus’ eine prinzipielle Offenheit für die hier vorgestellten und analysierten Fragestellungen erwartet werden. Das Buch sollte m.E. - soviel sei vorweggenommen - zur Pflichtlektüre aller musikpädagogisch Tätigen zählen. Der musikwissenschaftliche Blick auf die letzten Dekaden des vergangenen Jahrhunderts bleibt aber ohne Kenntnis des hier Thematisierten unvollständig. Dabei beginnt Letzteres nicht erst am 1. August 1981, 12.01 Uhr, beim Sendestart von MTV mit dem Buggles-Titel: "Video Killed The Radiostar" (102), denn bereits in den 1970er Jahren häuften sich "Projekte, die Populäre Musik mit TV-Shows, Filmen und Werbespots koppelten" (94).

In ihrer kritischen und ausführlichen Einführung ("McMusic") fassen Neumann-Braun und Schmidt die Forschung über Videoclips und Musikfernsehen zusammen, wobei neben dem informativen Text auch das detaillierte Literaturverzeichnis dieses Beitrags (34-42) von großem Nutzen ist. Im ersten Kapitel ("Pop und die Politik des Vergnügens") finden sich zwei Beiträge zu kultur- und medientheoretischen Aspekten des Musikfernsehens. Zunächst beschreibt Ulrich Wenzel "Pawlows Panther. Musikvideos zwischen bedingtem Reflex und zeichentheoretischer Reflexion" (45-73). Ausgehend von der kulturkritischen Defizit-Hypothese im Hinblick auf das populärkulturelle Musikfernsehen wird eine rezeptionsanalytische Perspektive beschrieben, ohne die "ein adäquates Verständnis der Medienkultur nicht zu gewinnen" (70) sei. Als Konsequenz dessen wird eine "konsistente Postmoderne" (71) gefordert, die eine fundierte Kritik an der Postmoderne erst ermöglichen kann (ebd.). In diesem durchaus schwammigen Fahrwasser werden billige Lösungsversuche vermieden und durch eine Ambivalenz ersetzt, die "moderne Subjekte lebenspraktisch zu bewältigen haben." (72) Anschließend beleuchtet Eggo Müller unter dem Titel "Populäre Visionen" (74-92) die Debatte um Musikclips und Musikfernsehen in den cultural studies.

Das zweite Kapitel ("Musikfernsehen: Mythen - Markt - Monopoly") ist der historischen Analyse zwischen Kultur und Ökonomie gewidmet. Unter dem Titel "Sound and Vision Go MTV" (93-131) beschreibt Axel Schmidt die Geschichte des ersten Musikfernsehsenders von dessen Anfängen bis zum Ende des 20. Jahrhunderts. Besonders interessant für Musiker und Musikerinnen ist u.a. die detaillierte und einleuchtende Beschreibung des nahtlosen Übergangs von live gespielter Bühnenmusik zur visuell geprägten Clipästhetik in einer Zeit, als die Musik zur Performance wurde und sich die "Live-Ideologie als Authentizitätsprädikat des traditionellen Rocks" stufenlos in "popkulturelle Arrangements" verwandelte (96). Spätestens hier wird deutlich, wie eng sowohl die Entwicklung des Musik-TV als auch das Verhältnis von visueller zu auditiver Performance mit Veränderungen der Populären Musik in den 1980er Jahren verwoben ist: Der Einfluss von Musiktechnologie sowohl in technisch-handwerklichen als auch in instrumentalen Spiel- und Improvisationskonzepten wird ebenso sachlich und kompetent thematisiert wie das Verhältnis zwischen Kunst und Künstlichkeit oder zwischen instrumentaler Kompetenz und der lippensynchronen "Selbstpräsentation zur Musik." (ebd.; Hervorhebung JT). Im zweiten historisch-analytischen Beitrag untersuchen Lutz Hachmeister und Jan Lingemann ebenso ausführlich wie informativ "Das Gefühl VIVA. Deutsches Musikfernsehen und die neue Sozialdemokratie" (132-174).

Das zentrale dritte Kapitel umfasst unter dem programmatischen Titel "Kunst für die Massen: Videoclips" acht Analysen von Videoclips unterschiedlichster Stilistik und Funktion. Ramona Curry: "Madonna von Marilyn zu Marlene: Pastiche oder Parodie?" (175-204); Kobena Mercer: "Die Monster-Metapher. Anmerkungen zu Michael Jacksons Video Thriller" (205-229); Michael Altrogge: "Alphabet Street. Prince oder die Kunst der Re-De-Konstruktion" (230-255); Michael Barth/Klaus Neumann-Braun: "Mythos Straße oder die erfolgreiche Verkehrspolitik von Prince alias TAFKAP (256-261); Hans J. Wulff: "The Cult of Personality - Authentisch simulierte Rockvideos" (262-278); Michaela Pfadenhauer: "Tanz in den Ruinen. Members of Maydays Sonic Empire." (294-306); Eva Schmidt: "Eine Jagd durch die Nacht. The Prodigy und ihr ausgezeichneter/zensierter Clip Smack my bitch up." (307-324). Eine Ausnahme von der Regel ‘musikferner’ Analysen stellt der Beitrag von Achim Doderer/Klaus Neumann-Braun dar. Unter dem Titel "Traumpfade und Fable(s)" stellen die Autoren eine in ihrem Ergebnis so interessante wie einleuchtende und schlüssige musikwissenschaftliche Clip-Analyse der "Techno-Trance des Robert Miles" (279-293) vor. Ausgehend von der "für die sog. Visuelle Musik geltende(n) Überlegung, diese als dynamische Kunstform zu begreifen, bei der Visuelles und Musik in spezifisch schöpferischer Weise kombiniert werden", wobei "eine Interaktion zwischen Bild und Ton statt(findet), die eine einzigartige Wirkungsdynamik entfaltet, die ohne dieses wechselseitige Beeinflussungsverhältnis nicht möglich wäre" (288), erfolgt nach der musikalischen und der Bild-Analyse des Clips der Verriss: Die Autoren entscheiden sich gegen den Clip und für das Wegzappen. Zu dieser begründeten (und nicht kulturpessimistischen) Entscheidung tragen so interessante Analysedetails wie das folgende bei: "Auch hier finden sich sowohl überzeugende als auch ‘schlampige’ Schnitte. Relativ gut gelungen ist die Szene des Anknipsens der Lampe in den Takten 77-80. Es erfolgt mehr oder weniger genau auf Zählzeit 4 der jeweiligen Takte." (289)

Im letzten Kapitel ("Partnerwahl: Nutzung und Rezeption des Musikfernsehens") fassen Michael Schmidtbauer und Paul Löhr die aktuellen Ergebnisse der Nutzungs- und Rezeptionsforschung zusammen: "See me, feel me, touch me! Das Publikum von MTV Europe und VIVA" (325-350). Hier werden neben Präferenz-Analysen innerhalb der 14- bis 19jährigen Kerngruppe, der Beschreibung von Rezeptionsweisen und der sozialpsychologischen Situation Jugendlicher auch Reichweiten des Programms sowie Nutzungsdauer und sozialstrukturelle Charakteristika des Publikums von Musikfernsehkanälen vorgestellt. Auch dieser Beitrag kann - wie das gesamte Buch - dabei behilflich sein, musikpädagogische Fragestellungen zu beantworten, indem er einige Alltagsbeobachtungen bei der musikbezogenen Arbeit mit Jugendlichen systematisierend relativiert und damit der eigenen Beobachtung in vielen Details eine neue Richtung gibt.

Jürgen Terhag