Entwicklungsbedarf und Musik

Ausgangspunkt unserer Überlegungen ist die entwicklungstheoretische Annahme, dass das Jugendalter durch die Auseinandersetzung mit Entwicklungsaufgaben geprägt ist (Münch/Boehnke 1996). Damit beziehen wir uns auf eine theoretische Setzung, die in diesem Sammelband an anderer Stelle ausführlicher am Beispiel Hörfunk vorgestellt wird(1). Sie wird hier deshalb nur knapp in ihren Grundlagen umrissen, um sie dann in Hinblick auf das Internet und Musik zu präzisieren.

Als Entwicklungsaufgaben, mit denen Jugendliche konfrontiert werden, lassen sich nennen:

 

  • Peergruppenintegration
  • Enge Freundschaftsbeziehungen / soziale Bindungsfähigkeit
  • Physische Reifung
  • Frühe Selbständigkeit / Autonomie
  • Berufsvorbereitung
  • Aufnahme sexueller Beziehungen
  • Entwicklung einer politischen Orientierung
  • Zukunftsorientierung / Leben als Erwachsene
  • Reife / Autonomieentwicklung
  • Identitätsentwicklung / Lebensstilorientierung

Wenn eine Diskrepanz zwischen dem eigenen erlebten und dem gewünschten Zustand in Hinblick auf eine bestimmte Entwicklungsaufgabe besteht, sprechen wir von Entwicklungsbedarf. Die Grafik rechts soll andeuten, dass die verschiedenen Entwicklungsaufgaben hierarchisch-sequentiell abgearbeitet werden, d.h. die als am meisten dringlich empfundene Aufgabe steht im Fokus der Aufmerksamkeit.


In der Auseinandersetzung mit diesen Entwicklungsaufgaben haben die Jugendlichen hohe Freiheitsgrade. Sie können zwischen verschiedenen Bearbeitungsfeldern und Strategien der Bearbeitung wählen. ‚Unfrei' sind sie dagegen in dem Sinne, dass sie mit den Entwicklungsaufgaben konfrontiert werden und sich dafür entscheiden müssen, wo und wie sie den Entwicklungsbedarf bearbeiten.


Jugendliche können sehr unterschiedliche Bereiche zur Bearbeitung von Entwicklungsbedarf nutzen. Mögliche Bearbeitungsfelder sind bspw. der Umgang mit Musik oder Sport. Durch den in den letzten Jahren explosionsartigen gewachsenen Pool an kulturellen Zeichen und Symbolen und Freizeitangeboten ist die Auswahl heute größer denn je. Letztlich werden sie sich für die Bearbeitungsfelder entscheiden, von denen sie erwarten, den Entwicklungsbedarf am erfolgreichsten bearbeiten können.


Ein wichtiger Bereich für die Bearbeitung von Entwicklungsbedarf kann - nach unserer Annahme - für Jugendliche der Umgang mit Musik sein. Dass Musik im Jugendalter für die meisten Jugendlichen einen hohen Stellenwert hat, ist wohl unbestreitbar. Nicht nur die Zahlen aus der Medienforschung belegen dies. Schon die in Gesprächen mit Jugendlichen zu spürende Lust, sich zu Fragen der Musik zu äußern, oder sich über Musik kundig zu machen, sprechen für sich.

Entsprechend den Tendenzen zur Fragmentierung und Diversifizierung gesellschaftlicher Prozesse, finden sich heute im Bereich der Musik eine unüberschaubare Zahl an Szenen mit spezifischen Stilsprachen. Die

"Stilsprache ist Ausdruck von szenespezifischen Darstellungs- und Distinktionsformen und Kristallisationspunkt für jugendeigene kleine Lebenswelten, die sich durch einen hohen Freiheitsgrad im Selbstentwurf und in der Handlungsdramaturgie ihrer Mitglieder auszeichnen. Ihre vielfach demonstrativ-provokativen Praktiken und Embleme signalisieren exklusive Identitätszeichen und Symbolautonomie, letztlich ‚besetztes' Terrain, in dessen szenischem Rahmen die In-Sider einerseits als eigenständige Gestalterinnen und Gestalter lebensweltlicher Bezüge und Ordnungen in Erscheinung treten, andererseits aber auch eine sichtbare und expressiv-ausdrückliche Abgrenzungs- und Absetzbewegung auf sozio-kultureller Ebene vornehmen" (Vogelgesang 1999, 239).

Im Musikbereich reicht das ganze Spektrum von vergleichsweise hermetisch abgeschlossenen Szenen mit sehr präzise festgelegtem Regelkanon für Kleidung, Sprache, soziale Verhaltensweisen, Werthaltungen usw. bis hin zu sehr ‚unscharfen, flüchtigen' Szenen mit geringem Verbindlichkeitsgrad. Und es gibt verschiedene Formen, sich auf diese Szenen einzulassen, sich an sie zu binden:

  • "durch Sympathie mit bestimmten Kulturen, denen sie möglicherweise angehören wollen, durch die Auswahl spezifischer Sozialisationskontakte.
  • durch das Mitgliedwerden in selbstgewählten Kulturen, wobei sie sich mit der gewählten Symbolwelt bzw. dem entsprechenden Lebensstil vertraut machen.
  • durch die Konstruktion von Identität durch (zeitweilige) Übernahme eines bestimmten Lebensstils sowie durch Benutzung kultureller Symbole" (Müller 1999, 118).

Angesichts der Pluralität musikgestützter Szenen ist heute schwierig zu bestimmen, welche Funktionalität Musik im Jugendalter zukommt. Sie wird stark in Abhängigkeit von der spezifischen Konstitution einer Szene und dem Maß des sich darauf Einlassens abhängen. Nicht selten ist es inzwischen auch, schnell zwischen verschiedenen Szenen zu wechseln, oder auch verschiedenen Szenen gleichzeitig anzugehören(2) .