In der Literatur finden sich diverse Auflistungen zur Funktionalität von Musik, von denen hier vier beispielhaft aufgeführt sind:

Hafen (1992 56-60; 1993, 213-220) Baacke (1997, 35) Bastian (1989, 181ff)

Münch/Müller-
Bachmann/Bommersheim 1999

1. sozialpsychologisch die sozialpsychologische Funktion de Identitätsbildung in der Frage nach Authentizität Kommunikativ-soziale Funktionen Distinktion / Abgrenzung
2. affektiv Affektive Komponenten wie Begeisterung, Freude, Kompensation (..) Emotional-psychische Funktionen Affektkontrolle
3. psycho-physiologisch "Psycho-physiologische Intensität und die Bedeutung des Körpergefühls; Körperorientierung
4. intellektuell Sinn-Dimension,die Ebene der Deutung(3) Funktionen des Selbstausdrucks, der Persönlichkeitsfindung, der Persönlichkeitsentfaltung Autonomie / Lebensstilorientierung
5. Ästhetisch-intellektuelle Funktionen Musikästhetische Erfahrungen
6. Zweckrationale, pragmatische Funktion

Während die Systematiken von Baacke und Hafen überwiegend auf Literaturauswertungen basieren, sind die von Bastian und Münch/Müller-Bachmann/Bommersheim Ergebnis empirisch-quantitativer Studien. Bastian befragte Jugendliche, die am Wettbewerb ‚Jugend musiziert' teilnahmen, also sich intensiv mit Kunstmusik beschäftigt haben, während die Ergebnisse der zweiten Studie auf der Befragung von 200 Jugendlichen mit popularmusikalischen Interessen basiert.

Beim Vergleich der verschiedenen Systematiken - es wurde versucht, in der Tabelle ähnliche Funktionsbereiche nebeneinander zu gruppieren - fallen trotz unterschiedlicher Basis und Erhebungsmethoden einige Parallelen auf. Es finden sich bei allen Autoren sowohl Funktionen, die sich auf die individuell-psychische Funktionsbereiche beziehen, als auch solche, die eher sozial-kommunikative Aspekte betonen. Zugleich wird deutlich, dass sich einige Aspekte wiederfinden, die in der Liste der Entwicklungsaufgaben im Jugendalter enthalten sind. Wir sehen uns dadurch in der Annahme bestärkt, dass Musik ein Bereich ist, in dem Entwicklungsbedarf bearbeitet werden kann. So ist es z. B. möglich, dass ein Jugendlicher, der sich vor allem mit Peergruppenintegration auseinandersetzt, also Anschluss an einen gleichaltrigen Freundeskreis sucht und halten will, vornehmlich die Musik wertgeschätzt, die auch die (erhofften) FreundInnen wertschätzen.

Unklar ist bislang, welche Funktionsbereiche für die heutigen Jugendlichen von besonderer Bedeutung sind. Die von Baacke und Hafen ausgewerteten Studien beziehen sich überwiegend auf die ‚Rockmusikära' der 70er und 80er Jahre und können deshalb nur bedingt auf heutige Verhältnisse übertragen werden. Die aktuelle Studie von Münch/Müller-Bachmann/Bommersheim (1999) zeigt die folgende Rangfolge.

  %
Affektkontrolle 1,86(4)
Autonomie / Lebensstilorientierung 1,09
Körperorientierung 1,00
Distinktion / Abgrenzung ,99
Musikästhetische Erfahrungen ,58

 

Jugendliche, die Musik zur Bearbeitung von Entwicklungsbedarf nutzen, nennen wir musikorientierte Jugendliche. Musikorientierte Jugendliche unterscheiden sich von solchen, für die Musik ‚irgendwie' neben vielen anderen Dingen zum Leben dazugehört. Diese Unterscheidung ist zunächst nur postuliert, da die empirische Überprüfung erst im Sommer 2000 abgeschlossen sein wird.

Arbeiten aus den Bereichen der Musikpsychologie und -soziologie, die sich mit dem Konzept der Entwicklungsaufgaben auseinandergesetzt haben, liegen nach unserer Kenntnis bisher nicht vor. Allerdings finden sich verschiedentlich Bezüge hierauf. Bruhn (1995) erwähnt etwa, dass es hilfreich zum Verständnis jugendlichen Verhaltens im Musikunterricht herangezogen werden könne. In der Studie von Müller/Behne (1996) zur Rezeption von Videoclips finden sich manche Items, die eine gewisse Affinität zum Entwicklungsaufgabenkonzept haben. In einer anderen Studie kann Behne (1997) diesen Zusammenhang zumindest ansatzweise auch empirisch quantitativ zeigen. Ganz ausdrücklich weist Schneider (1996) in ihrer medienwissenschaftlichen Studie zu "Erscheinungsformen jugendlichen Mediengebrauchs" darauf hin, dass Musik funktional im Sinne des hier diskutierten Forschungsparadigmas sei.