Peergruppenintegration

Der Wunsch, sich mit Gleichaltrigen zusammenzuschließen ist ein typisches Moment jugendlicher Entwicklung. Eine Peergruppe kann der in der Schule entstandene Freundeskreis ebenso sein wie die virtuellen Gemeinschaften oder Kleingruppen im Netz. Diese Gruppen erfüllen für die Jugendlichen die unterschiedlichsten Funktionen, als Stichworte wären hier unter anderem zu nennen: soziale Unterstützung, Ablösung vom Elternhaus, Wir-Gefühl, Vermittlung sowohl gruppeninterner wie sozialer Werte und Normen, Abgrenzung und Distinktion aber auch Austausch von Wissen und Informationen über gemeinsame Interessen, Verortung in der eigenen spezifischen (Sub-)Kultur usw. (Sander 1999)

Ebenso wie zur Identitätsentwicklung des einzelnen kann das Internet für musikorientierte Jugendliche einen originären Beitrag zur Peergruppenintegration leisten. Insbesondere die Möglichkeit der schnellen und unkomplizierten Vernetzung und Kontaktaufnahme zu anderen Jugendlichen mit ähnlichen Interessen oder Schwerpunkten im IRC (Internet-Relay-Chat) und dort angesiedelten speziellen Musikkanälen erleichtert das Finden und Treffen Gleichgesinnter. Einige Orte sind sehr berühmt geworden, wie etwa das ‚Well', wo sich die Fans der Gruppe Grateful Dead trafen (Barlow 1995). Ein beliebter Treffpunkt für musikorientierte Jugendliche sind die zahllosen Newsgroups und Mailing-Lists mit musikbezogen Themen, in denen über alles und jedes gesprochen wird. Bald sind die Teilnehmer einer Liste miteinander vertraut und Anerkennung wird u.a. durch die Originalität und Kompetenz der Beiträge errungen.

Diese virtuellen Gemeinschaften können mehr oder weniger stabil über lange Zeiträume bestehen bleiben, wobei ihre Mitglieder von einem ausgeprägten Wir-Gefühl getragen sind. Nicht selten entstehen daraus Bedürfnisse nach richtigen Face- to Face-Kontakten, sodass von diesem Gemeinschaften Treffen, Parties oder sogar regelmäßige Stammtische organisiert werden, welche wiederum verstärkend auf den Gruppenzusammenhalt wirken(11).

 

Über den Alltag in solchen Gemeinschaften berichtet Watson, der zwei Jahre eine Online-Fan Gemeinschaft mit 50.000 Beteiligten, das ‚Phish.Net', beobachtete um festzustellen, "that those youth formed a community which created not only individual benefits for participants but also a group strength which enabled them to alter the routines of the music industry and to help launch a new category of music in American culture" (1997, 102). Auch Bruns zeigt am Beispiel von Progressive- Rock-Fans, die recht früh schon im Internet präsent waren, dass unter den Bedingungen des neuen Mediums "subcultures now have the ability to establish themselves to a large extent as institutions in their own right and in their own spaces" (1998, 4 Bit 20).

Die beiden genannten Studien, die u. E. die einzigen sind, die sich bislang intensiv mit Musikkulturen im Netz auseinandersetzen, haben keinen entwicklungstheoretischen Ansatz, sondern blicken aus einer kommunikations- bzw. kulturtheoretischen Perspektive. Doch lässt sich zwischen den Zeilen herauslesen, dass diese Gemeinschaften eine Vielzahl von für die jugendliche Entwicklung wichtige Erfahrungen ermöglichen.

Weitere Orte zur Konstitution von Gemeinschaften sind musikbezogene WWW-Projekte.


http://www.muse.com.au/org/scofa/start.html

 

Sie sind einerseits Bestätigung und Vergewisserung der eigenen musikkulturellen Verortung und andererseits durch ihre Präsenz im Netz auch Zeichen, mediales Symbol und damit ein Ort, an dem sich Angehörige dieser Kulturen gruppieren können. Fast jede Musikszene von HipHop über Schlager bis hin zu einzelnen InterpretInnen hat ihre eigenen Treffpunkte. Nicht nur haben Musikszenen im Netz bessere und breitere Veröffentlichungsmöglichkeiten auch umgekehrt haben die musikorientierten Jugendlichen leichteren Zugang zu den sie interessierenden Orten, Gruppen und Informationen. In dieser Weise kann das Internet für Jugendliche einen Beitrag zur Peergruppenintegration leisten.