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1. Erstes Erscheinungsbild Sibelius erscheint
in einem Paket mit nur einem kompakten Handbuch und einer CD, das wirkt
nicht abschreckend wie die früheren Finale "Wälzer".
Sibelius und Finale setzen beide auf eine Online Hilfe und auf Quicktime
Videos, die dem Anfänger Fragen beantworten und einzelne Arbeitsschritte
bildlich verdeutlichen.
CD in den Computer,
Doppelklick und los geht's !
Das Sibelius
Handbuch ist erstaunlich kompakt gehalten und soll den Eindruck vermitteln,
man könne das Programm schnell meistern. Am Anfang steht eine Quick
-Tour die einen mit den nötigsten Funktionen vertraut macht. Es
wird empfohlen dieses Tutorial unbedingt durchzuarbeiten. Dem kann ich
nur zustimmen, macht es den Neuanwender doch schnell mit der Philosophie
des Programms vertraut. Immer wieder wird darauf hingewiesen, die Maus
wegzulegen und Tastaturkürzel zu benutzen - sicherlich ein sinnvoller
Gedanke - aber wer nicht tagtäglich mehrere Stunden an Sibelius
verbringt, wird sich wohl kaum alle Befehle merken wollen. Hilfe bietet
eine Tabelle in Form eines zusammensteckbaren Papp-Turmes, auf dem alle
Tastaturkürzel aufgeführt sind ( im Paket enthalten).
4. Arbeitsoberfläche Absolut angenehm
gestaltet ist die Arbeitsoberfläche bei Sibelius, das Notenblatt
bleibt immer frei von Werkzeugen. Von Notenblatt kann hier wirklich
die Rede sein, da man sich die Struktur des Manuskriptpapiers als Arbeitshintergrund
selbst aussuchen kann, von marmoriert bis zu teurem Notenpapier ist
alles möglich, und man bekommt tatsächlich das Gefühl,
vor einem wirklichen Notenblatt zu sitzen. Optisch gelungen und nicht
zu sachlich (wie bei Finale) sind die Werkzeug- und Menüleisten,
alles wirkt aufgeräumt.
5. Voreinstellungen Bevor man an einer neuen Partitur arbeitet bzw. ein neues Dokument öffnet, können auf einem Bedienfeld zunächst Titel und Komponist des zu bearbeitenden Werkes eingegeben werden. Diese Angaben erscheinen dann schon in richtiger Grösse und korrekt plaziert auf der eigentlichen Arbeitsoberfläche. Ist diese Eingabe beendet, geht es weiter in das nächste Feld, um sich dort die gewünschten Instrumente zusammenzustellen, diese erscheinen dann untereinander und mit Namen auf der Arbeitsoberfläche. Diese praktischen Voreinstellungen decken sich fast völlig mit Finale 2000. Auch das Papierformat lässt sich hier schon festlegen, von A 4 bis zu grossen querformatigen Partituren.
Zur einfachen Noteneingabe, die man als unversierter Keyboard-Spieler wohl öfter in Anspruch nimmt, befindet sich auf der Hauptseite ein frei positionierbares Kästchen, mit dem Noten, Artikulationen, Notenköpfe und Vortragszeichen direkt mit der Maus eingegeben werden. Die entsprechende Note wird einfach im Werkzeugkästchen - sprich Keypad selektiert und dann an entsprechender Stelle im Takt eingefügt. Das gibt es bei Finale schon lange, aber nicht so clever, denn das Sibelius-Kästchen hat doch einiges mehr zu bieten: muss man bei Finale für Artikulationen, Notenköpfe, Vortragszeichen jeweils in ein extra Werkzeug wandern, kann bei Sibelius alles in einem erledigt werden, man ändert nur kurz den Modus. Daher ist es auch verständlich, wenn das Keypad ständig griffbereit am Bildschirmrand liegt. Will man zum Beispiel einer (Schlagzeug)Note - einen anderen Kopf verpassen geht das erstaunlich einfach - die Auswahl ist zwar auf dem kleinen Feld nicht so riesig wie bei Finale, dafür sind die wichtigsten Zeichen sofort und schnell verfügbar, was man bei Finale bei weitem nicht immer behaupten kann.
7. Eingabe mit Tastatur und Keyboard ( Alphabetische Eingabe und Step-time Eingabe) Hier hat man
sich stark an das Finale System angelehnt. Es gibt zwei Eingabearten,
eine nur mit Computer- Tastatur ( mit dem Laptop unterwegs ) oder in
Kombination Keyboard-Computertastatur. In der ersten Eingabeart dienen
die Buchstabentasten als Kürzel für eine Note ( z.B. "A"
ist gleich einem eingestrichenen "A" auf dem Notensystem.
Dies nennt sich Alphabetische Eingabe, die numerischen Tasten geben
den Notenwert an. Die Notenwerte entsprechen der Finale -Belegung. Bei
der Zuordnung der Töne zu den Buchstaben hat man sich mehr überlegt
und nach einiger Zeit ( und nochmaligem Auswendiglernen von Tastaturkürzeln
) kann man einfache Melodien recht schnell eingeben - ohne Übung
geht es aber leider nicht.
Vorzeichen etc. müssen trotzdem nachträglich mit dem Keypad
eingegeben werden.
8. Flexitime- Eingabe Bevor man Noten wie bei einem Sequenzerprogramm über die Midi-Tastatur eingibt, ist es erforderlich, OMS sprich das auf der CD mitgelieferte Open Music System zu installieren. Dieses System erfasst bei der Installation via Midi die Arbeitsumgebung des Anwenders und listet alle vorhandenen Midi-Instrumente auf. Dies erlaubt das gezielte Abspielen einer Partitur mit der gewünschten Instrumentierung, bzw. den Sounds entsprechend der Partitur. So spielt Sibelius ein Streichquartett mit den Klängen ab, die man sich beim Überprüfen der Partitur wünscht.
Gibt man nun Noten per Flexitime ein, hat man - wie der Name schon sagt - die Möglichkeit, das Tempo während der Aufnahme leicht zu verzögern oder zu beschleunigen. Dies ist natürlich hilfreich, wenn man schwierige Passagen meistern will oder bei leichten Passagen Zeit gewinnen will. Den Grad der Tempoflexibilität kann man selbst bestimmen, von nicht rubato bis zu starken Rubati. Sibelius zählt einen oder mehr Takte ein und man spielt zum Klick die gewünschten Noten ein. Die Quantisierung d.h. das Notenraster wird vorher bestimmt und Sibelius lässt wirklich nur die vorher bestimmten Notenwerte zu , das erspart eine Menge Korrekturzeit. Will man einen Klavierpart eingeben, selektiert man zwei Notensysteme und Sibelius verteilt die Stimmen auf beide Systeme, bei frei bestimmbaren Splitpunkt. Flexitime funktioniert hervorragend, besser und weniger umständlich als Finale, vorausgesetzt man ist ein einigermassen geübter Spieler.
9. Wiedergabefunktionen Will man die gerade eingespielten Noten zur Kontrolle hören benutzt man die Wiedergabeleiste , die zunächst nur Play und Flexitime -Record zeigt, aber ganz aufspringt, sobald man Play gedrückt hat. Abgespielt werden kann in verschiedenen Ausdrucksarten, von "mechanisch" bis expressivo - auch die Phrasierung kann eingestellt werden von normal bis über verschiedene Varianten von "Swing". Das Wiedergabefeld ist wie üblich ausgestattet - Play, Stop, Pause, Fast Forward etc., als Temporegler dient ein komfortabler Fader zum schnelleren oder langsameren Abhören.
10. Textwerkzeug Dieses Werkzeug ist opulent ausgestattet. Man findet es im Menu Erstellen", wo man in diverse Untermenus gelangt. Hier kann man alles eingeben, was eine professionelle Partitur braucht. "Texte" beinhaltet Titel, Untertitel, Technik, Expression, Fingersätze und... leider kann man keinen Text ungebunden d.h. angeknüpft an eine Funktion eingeben - das ist ärgerlich, wenn man Arbeitsblätter entwerfen will und sich dabei für eines der vielen Textwerkzeuge entscheiden soll. Trotzdem, das Ganze macht grossen Eindruck, denn alles was man bei Finale vermisst oder nur unter Mühen bewerkstelligen kann, geht bei Sibelius problemlos: umrahmte Buchstaben, Fingersätze, Copyright, Fussnoten, Widmungen, um nur ein paar zu nennen. Auch die Eingabe von Liedtext funktioniert einwandfrei und schnell, aber das geht bei Finale auch ganz gut, es sei denn man will die zweite oder dritte Strophe eingeben, da hat Sibelius die Nase vorn. Nebenbei passt sich das Seitenlayout ganz schnell dem Text an (wie bei Finale).
11. Layout Dies scheint
mir der einzig wirkliche Schwachpunkt von Sibelius zu sein: Das Layout
erneuert sich erfreulicherweise zwar während der Eingabe permanent,
lässt aber keine völlig flexible Gestaltung des Notenblattes
zu, und wenn, dann nur umständlich über das Menu "Notenzeilen"
oder "Dokument einrichten". Finale hat das (endlich ) besser
gelöst. Im Werkzeug "Seitenlayout" können alle Notenzeilen,
Seitenränder und Abstände direkt und unkompliziert bearbeitet
werden. Dieser Idee hätte sich Sibelius unbedingt bedienen sollen.
12. Akkordsymbole Akkordsymbole - kein grosses Thema für Sibelius, man kann sie einfach eingeben, in dem man eine Note anklickt und den Akkord als Text darüber notiert (auch transponierbar). Diese Eingabe funktioniert wie die Liedtexteingabe, einfach und unkompliziert.
13. Artikulation Im Keypad sind die wichtigsten Artikulationszeichen vorhanden und werden direkt zur Note hinzugegeben. Die Positionierung erfolgt automatisch. Filterfunktionen erlauben es bestimmte Noten mit bestimmten Artikulationen zu versehen, anstatt diese mühsam Note für Note einzugeben.
14. Balken Balken können ebenfalls im Keypad gruppiert werden, auch Balkenneigungen, kreuzende Balken sind möglich . Ganz so fein wie bei Finale geht es nicht, aber für die meisten Anwendungen reicht das. Finale besitzt ein sogenanntes Feinwerkzeug, das wirklich jede kleinste Korrektur im Notenbild erlaubt.
15. N-tolen Abgesehen davon, dass bei der Flexi-Time Eingabe Triolen gut erkannt werden, können diese auch "von Hand" eingegeben werden. Dazu wird die erste Note einer Gruppe selektiert, um dann über einen Kurzbefehl die restlichen N-tolen-Noten zu beschreiben. Beispiel : für eine Triole selektiere ich eine Viertelnote, drücke die Befehlstaste und "3" und schon weiss Sibelius, dass die folgend eingegebenen Viertel eine Triole bilden.
16. Transpositionen Kein Problem für Sibelius: ausser den Gitarren-Akkordrastern kann hier alles diatonisch oder chromatisch transponiert werden, inklusive Artikulationen und Akkordsymbolen, auch ein Wechsel der Transposition mitten in der Partitur ist erlaubt.
17. Schlagzeugnotation Ein heikles
Thema: hier liegt das Problem in der unabhängigen Darstellung der
Instrumente Bassdrum, Snare, Hihat etc. deren Notenköpfe, Hälse
und Pausen verschieden sind. Sibelius bietet ein Drum-Mapping an, das
auf Midi Kanal 10 (auf dem mittlerweile alle Drum Sets angesiedelt sind)
den über das Keyboard gespielten Klang einem vorbereiteten Notenkopf
zuordnet. Die Drum Mappings können bei Bedarf verändert werden.
Bei Finale existiert diese Funktion mittlerweile auch, mit dem Vorteil,
dass die Instrumente auf verschiedenen Eingabeebenen bis auf das Genaueste
bearbeitet werden. Ist OMS (das Open Music System einmal installiert)
kann man auf Midi-Kanal 10 einfach lospielen, die Noten werden automatisch
an die richtige Stelle mit dem richtigen Notenkopf plaziert - wunderbar
!
18. Stimmenauszug Um aus einer Partitur einzelne Stimmen zu extrahieren, wird in einem Dialogfeld die betreffende Stimme selektiert, extrahiert und dann bearbeitet. Wie auch bei Finale muss man die Einzelstimme zusätzlich bearbeiten, vor allem im Layout. Ansonsten bietet dieses Werkzeug kein Anlass zu Kritik.
19. Fonts Ausser den klassischen
Musikfonts bietet Sibelius noch "ink-pen" an, einen Font,
der handgeschriebene Musik simuliert.
20. Scannen Sibelius bietet über das Zusatzprogramm Photo-Score die Möglichkeit, schon gedruckte Noten einzuscannen und zu bearbeiten. Getestet habe ich diese Funktion nicht, das Kapitel Scannen im Handbuch lässt aber schon vermuten, dass man hier viel Zeit und Geduld aufbringen muss und wohl eher dürftige Ergebnisse zu erwarten hat. Schon das Einscannen und Erkennen von Texten ist schwierig, Notentext um so mehr, man denke nur an die ganzen Zeichen und Symbole. Hier stellt sich die Frage ob man nicht in der selben Zeit neue Noten eingibt, anstatt das Scan stundenlang zu bearbeiten.
21.Sonstiges Richtige Probleme
gibt es mit Sibelius eigentlich nicht, man muss sich einfach an die
Programmstruktur gewöhnen, bzw. sich merken, wo man was findet.
22. Internet Publishing Die auf Sibelius erstellten Notentexte können über die eigene Website ins Internet gestellt werden. Allerdings sollte man dazu ein paar HMTL-Basics beherrschen um dies zu bewerkstelligen. Die Frage ist nur - wozu? Ist es wirklich sinnvoll, seine Kompositionen im Netz zu präsentieren? Bedeutende Komponisten würden bei der Veröffentlichung ihrer Werke wohl eher den Weg über die Musikverlage gehen.
22. Fazit Die wichtigsten Programmpunkte sind hiermit behandelt, wer jetzt nicht an diesem tollen Programm interessiert ist ... Das Sibelius Debut ist äusserst gelungen, dieses Programm ist für Einsteiger wirklich sehr interessant und genügt auch professionellen Ansprüchen - Klassik wie Jazz und Pop oder sogar zeitgenössische Musik und graphische Notation. Sibelius profitiert natürlich vom Erfahrungsvorsprung von Finale und macht nicht die selben Anfangsfehler auf Kosten der einfachen Bedienung. Sibelius ist tatsächlich einfach und schnell, wie der Titel es verspricht, ob es das cleverste Notensatzprogramm der Welt ist, sei dahingestellt. Umsteiger von Finale auf Sibelius werden sich in mancher Hinsicht umstellen müssen, positiv wie negativ. Wer sich einmal auf ein Programm eingestellt hat, stellt sich ungern um. Abschreckend an Sibelius ist die Flut der Tastaturkürzel, wenn man nicht ständig damit arbeitet, vergisst man vieles und greift wieder zur Maus, auch entgegen den ständigen Empfehlungen des Handbuchs. Sibelius erlaubt
den Eingriff ins Layout nicht so gut wie Finale, das kann aber geändert
werden, der Anwender sollte mit seiner Kritik nicht warten, sondern
seinen Unmut per E-mail kundtun - die beste Möglichkeit schnell
zu Programmverbesserungen zu kommen. Homepage:
www.sibelius.com Deutschsprachige
Mailingliste:
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