
Genaue
Analyse der Beziehungen zwischen Bild- und Klangebene
Arbeitsgrundlagen.
Arbeitsblatt
2 (Lösungen), Video
Auf
dem Hintergrund der bisherigen Ergebnisse fällt bei der Wahrnehmung
des Gesamtspots sehr schnell auf, daß die formalen Einschnitte genau
mit den Wendepunkten der Geschichte korrespondieren. Nachdem mehrere
solcher Punkte analysiert sind, kann man anhand des Arbeitsblattes 2,
das alle Schnitte der Musik zuordnet, eine zusammenfassende Deutung
vornehmen:
Die
einzelnen musikalischen Teile schließen einerseits verschiedene Schnitte
syntaktisch zusammen, grenzen sie andererseits semantisch voneinander
ab. An den Nahtstellen kommt es zu auffälligen Synchronpunkten zwischen
Musik und Bild.
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Der
Anfang der 2. Phase am Ende von T. 6 korrespondiert mit Bildschnitt
7 (Davonschleichen des Kindes). Dabei sind, wie üblich, Bild und
Tonebene minimal gegeneinander verschoben: das Bild des Kindes
erscheint kurz vor dem Einsatz der entsprechenden Musik. Der Aufbruchcharakter
der Musik (s.o.) paßt genau zum Erkundungsgang des Kindes.
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Den
Übergang zur 3. Phase markiert in T. 14 ein auffälliger klanglicher
Effekt: ein hoher Streicherton und ein Triangelschlag fallen zusammen
mit dem Blickkontakt zwischen Opa und Kind (Schnitte 12/13). Die
Umkehrung der Bewegungsrichtung der einzelnen Teilgestalten entspricht
der 'Umkehr' (dem Weglaufen) des Kindes.
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Die
schon bei der musikalischen Analyse sich aufdrängende Vermutung,
daß in Phase 4 (T. 22ff.) die Musik die Flucht zurück ins Abteil
abbildet, bestätigt sich. Der rasante Absturz wird gemildert durch
die ruhige Klarinettenlinie, die Opas Erleichterung spiegelt und
als akustischer Überblendeffekt auf die ruhige Coda vorbereitet.
Die inhaltliche Korrespondenz der Schnitte 24-26 (T. 24/25) mit
Schnitt 6 (T. 5/6) wird auch musikalisch (in der Rückkehr nach
Es-Dur, in dem langen Anhalten dieses Akkordes und in der Tonlage)
deutlich.
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Die
Coda dient mehr der atmosphärischen Verdichtung und Zusammenfassung
als dem gestischen Unterstreichen von Einzelheiten und korrespondiert
so mit den anderen resümierenden Elementen des Spots, dem eingesprochenen
Text und der eingeblendeten Schrift. |
Wie
gut kalkuliert die Verbindung von Einheitlichkeit und paßgenauen Synchronpunkten
auch im Mikrostrukturbereich ist, läßt sich am besten an den Metamorphosen
des Sechzehntelmotivs studieren:
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In
T. 3 erscheint das 16tel-Motiv als scheinbar belanglose Durchgangsfigur,
in T. 5 und 6 dann als schattenhafter Reflex auf das Auf-Ab der
Melodie, speziell auf die 3 Anfangstöne. (Die abstürzende Sechzehntelfigur
ist eine rhythmische Variante der drei Anfangstöne - Quart aufwärts,
Sekunde abwärts - raubt diesen aber ihre synkopische Querständigkeit).
Das räumliche Abfallen der Figur entspricht dem "Abtauchen": dem
"Abtauchen" des Enkels in den Fernsehkonsum bzw. dem "Abtauchen"
Opas in den Schlaf. Andererseits korrespondiert die huschende Bewegungsform
- im Sinne der barocken "fuga"-Figur = 'flüchtige' (schnelle) Bewegung
- mit dem Drücken des Einschaltknopfes und schnellen Aufsetzen des
Kopfhöres (Schnitt 4) bzw. dem raschen, prüfenden Blick des Kindes
auf den einschlafenden Opa (Schnitt 6).
Diese Polyvalenz musikalischer Bedeutungen (hier: Abtauchen vs.
Aktivität / Bereitschaft zum Aufbruch) wird möglich durch die Bearbeitbarkeit
der einzelnen Parameter einer komplexen musikalischen Gestalt hinsichtlich
der Intervallik, Rhythmik, Tonlage usw. Die Bedeutung "Aktivität"
wird im folgenden sofort bestätigt, wenn die - nun aufwärts gerichtete
- Variante in T. 7ff. den "Aufbruch" des Kindes, die abwärts gerichtete
in T. 16 und 20 die Flucht vor dem Opa abbildet. Entsprechendes
gilt für T. 22ff. (s. o.). |
Besonders
interessant und auffallend ist T. 19/20: Hier erscheint eine chromatisch
verengte Variante von T. 5-7. Wieder ist die Bedeutung - je nach betrachtetem
Parameter - unterschiedlich: Der Absturz in die tiefe Lage bedeutet
auch hier "Abtauchen. "Abgetaucht" ist nicht nur das Liebespaar, sondern
ganz real auch der Enkel, der sich hinter einem Vorhang vor dem vorbeikommenden
Opa versteckt. Doch das ist mehr im Hintergund der Wahrnehmung. Vordergründig
verweist die chromatische Verengung mit dem verminderten Terzintervall
(barocke Figur des saltus duriusculus) und dem D7-Spannungs-Akkord auf
den leidenschaftlichen Kuß des Liebespaars.(Vielleicht ist auch die
Verwendung der Oboe - Oboe d'amore! - eine barocke Konvention.)
Die Wiederholung in tiefer Lage charakterisiert durch die Instrumentation
(Fagott) humorvoll den im Vorbeigehen ins Abteil hinein- und etwas indigniert
wieder wegschauenden Opa - eine Reminiszenz an Prokoffiefs "Peter und
der Wolf", wo ja auch die Enkel-Opa-Beziehung eine Rolle spielt. Außerdem
besteht wieder - wie in T. 6/7 eine Beziehung zwischen der "fuga"-Figur
und dem unmittelbar folgenden raschen Blick des Enkels.
An dieser Stelle wird ganz deutlich, warum solche Synchronpunkte nie
ganz genau zusammenfallen, sondern in der Regel um Sekundenbruchteile
gegeneinander verschoben sind: Das dient nicht nur dem Ziel, dem Eindruck
des "Geschnitteten" entgegenzuwirken, sondern ermöglicht eine der Polyvalenz
der musikalischen Bedeutung entsprechende mehrschichtige Rezeption.
Um
die musikalischen Figuren, die Synchronpunkte markieren, in den musikalischen
Kontext zu integrieren, unterliegen sie 'normalen' musikalischen Verarbeitungsverfahren',
d. h., sie treten auch an Stellen auf, wo sie keine direkte Beziehung
zur Bildebene haben. So wird der besonders hervorstechende Synchronpunkt
in T. 14 (Oktavsprung und hoher Streichereinsatz) durch den Oktavsprung
in T. 10 vorbereitet und damit vor dem Herausfallen aus dem musikalischen
Kontext bewahrt.
Andererseits
können sich auch im Einheitsablauf der Musik Bezüge zur Bildebene verstecken,
ohne daß sie durch direkte Synchronisierung unmittelbar bewußt werden:
In T. 7ff., beim Aufbruch des Kindes, erscheint das 16tel-Motiv in einem
synkopisch-stockenden Rhythmus und in dauerndem Wechsel von aufwärts und
abwärts gerichteter Version. Das entspricht der Langsamkeit des Aufbruchs
und dem neugierigen Nach-links-und-rechts-Schauen des Kindes. In T. 15ff..
ist der Rhythmus flüssiger und das Motiv ist dauernd abwärts gerichtet;
beides paßt zu der schnellen Flucht vor dem Opa. In T. 22ff. korrespondieren
Absturz und rhythmische Verdichtung des ausschließlich aufwärts gerichteten
Motivs als musikalisches Umkehrbild von T. 5ff. mit dem Hals-über-Kopf
der Rückflucht. Was musikalisch-ästhetisch als motivische Durchbildung
erscheint, ist damit zugleich Transformation von Grundelementen der Bildebene.
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