
Einbettung
des Themas in übergreifende Unterrichtszusammenhänge
Die
Behandlung des vorliegenden Werbespots paßt am besten in eine Unterrichtsreihe,
in der es um die Verbindung der Musik mit anderen Kommunikationssystemen
(Wort, Bild) geht: um die spezifischen Möglichkeiten der Bedeutungsgewinnung
der einzelnen Systeme und um den Bedeutungszuwachs, der in ihrer Verbindung
entsteht. Sprache dient in der Regel dem Informationsaustausch. Sie
spricht in Wortketten, deren einzelne Glieder bestimmte begrifflich-prägnante
Bedeutungen haben, die in der syntaktischen Verbindung einen Gesamtsinn
ergeben. Die 'musikalischen' Elemente der Sprache (Prosodie: Sprachmelodie,
Rhythmus Klangfarbe, Dynamik) sind zwar auch sehr wichtig hinsichtlich
der Nuancierung der "Nachricht", treten aber insgesamt hinter der rational-begrifflichen
Bedeutung zurück. Ganzheitlicher in der Wirkung ist dichterische Sprache.
Sie enthält viele 'musikalische' Elemente wie Assonanz, Reim, Versrhythmik
u. ä . Solche Lyrikelemente sind gerade in der Werbung sehr beliebt,
weil durch sie die Information um wichtige (suggestive) Erfahrungsmöglichkeiten
erweitert wird.
Ein
Werbespruch der Bundesbahn aus den 50er Jahren lautet:
Die
Klangmagie der (variierten) Wiederholung und Periodenbildung (Versprinzip)
bewirkt eine gefühlsmäßig-affektive und körperlich-rhythmische Einstimmung,
weckt Assoziationen ('Wiegenlied'), macht als ästhetisches Spiel Freude
und gewinnt so Aufmerksamkeit und Sympathie für das Produkt.
Stärker und nuancenreicher noch als die Lyrik kann die Musik mit solchen
Einstimmungselementen Wirkung erzielen. Während sprachliche Begriffe
(Vokabeln) - von Flexionsformen abgesehen - unveränderbar sind, nur
bedingt wiederholt werden können und bei vertikaler Kombination ('Mehrstimmigkeit')
ihre Verständlichkeit verlieren, sind musikalische Gestalten (etwa Motive)
in allen Parametern veränderbar, verlangen geradezu nach Wiederholung
bzw. Variation und können sowohl vertikal als auch horizontal (sukzessiv)
untereinander vielfältig kombiniert werden. Durch diese Form des "dasselbe-immer-anders-Sagens"
gewinnt die Musik eine fast 'beschwörende' Suggestionskraft. Das Faszinosum
der Verbindung von Wort und Ton, von Begriffssprache und Analogsprache,
liegt darin, daß sich ihre unterschiedlichen Stärken sehr gut ergänzen.
Die Musik kann nicht "Sonne" sagen, aber sie kann durch tonmalerisches
Nachzeichen und affektive Gesten einen Satz wie "Die Sonne steigt" zu
einem überwältigenden Erlebnis machen (vgl. das Terzett - Nr. 11 - aus
Haydns Jahreszeiten). Die Musik erweitert die sprachliche Information
gefühlsmäßig und assoziativ und gewinnt selber im Kontext der Sprache
eine größere semantische Eindeutigkeit.
Das Kernproblem bei der Verbindung von Musik und Sprache - etwa im Klavierlied
- ist genau das bei der Analyse des Werbespots "Entdeckungsreise" erörterte:
Wenn Musik allzu vordergründig alle für sie analog abbildbaren 'Bilder',
Vorstellungs- und Gefühlsinhalte eines Textes aufgreift, verstößt sie
gegen ihr eigenes Prinzip des durch Wiederholung und Variation gewährleisteten
Zusammenhangs (Einheitsablauf). In den rezitativischen, episch-erzählenden
Formen wird das bis zu einem gewissen Grade toleriert, in einer Arie
oder in einem Lied, Formen in denen die Musik als Musik sich konstituiert,
ist das ganz unmöglich. Das heißt andererseits aber nicht, daß die Musik
nur einen allgemeinen Stimmungshintergrund (vgl. Moodtechnik) als Folie
für den Text bieten soll. Dann würde sie ja den Kerngedanken, die Sinnfigur
des Textes, verfehlen. Das Grundmaterial der Musik und seine spezifische
Formung müssen also einen konkreten Bezug zum Text aufweisen, wenn die
Musik die Aussage des Textes ins Musikalische transformieren will. Genau
das ist auch in dem Werbespot geschehen.
In
der barocken Poetik prägte man zur Unterscheidung die Begriffe sensus
und scopus. Sensus ist der Einzelsinn (eines Wortes, eines Satzes, eines
Abschnittes), scopus der Gesamtsinn, also das, was als Kerngedanke oder
Intention hinter allen Details steht.
In
der Film- und Werbemusik stellt sich das Problem von scopus und sensus
noch entschiedener. Der Film besteht aus einer Folge statischer Bilder,
die nur durch die Schnelligkeit ihrer Abfolge die Suggestion kontinuierlicher
Bewegung hervorrufen. Auf der Makroebene kann der Film sein Manko aber
nicht vertuschen. Da er Wirklichkeit nur ausschnittweise wiedergeben
kann - ein Film mit unveränderter Totaleinstellung ist (von Andy Warhol
einmal abgesehen) nahezu undenkbar -, bedarf er zur Herstellung zusammenhängender,
komplexer 'Geschichten' der Schnittechnik mit wechselnden Einstellungen.
Die Einheit der Schnittsequenzen muß der Zuschauer in einem Akt der
Imagination selbst herstellen. Dabei bleibt das Ganze aber relativ 'kalt'.
Das Auge hält mehr auf Distanz als das Ohr. Zu Stummfilmzeiten versuchte
man das Problem durch die Unterlegung von Musik zu beheben. Die Musik
legt zumindest den Schein des Zusammenhangs über die Schnittfolgen und
suggeriert psychische Nähe. Auch beim Tonfilm blieb die Musik aus ähnlichen
Gründen ein fast unverzichtbares Mittel der Imaginations- und Gefühlssteuerung.
Beide Künste verbinden auch hier wieder ihre extrem unterschiedlichen
ästhetischen Prinzipien (Montageprinzip vs. Einheitsablauf) zu einem
befriedigenden Ganzen.
Bei einer Titelmusik muß die Musik sich - analog zum Strophenlied -
auf den scopus, die charakteristische Grundaussage, und ihre syntaktische
Funktion beschränken, bei längeren Filmsequenzen sind deutlichere sensus-Bezüge
(Synchronpunkte) möglich, aber Beschränkung ist angesagt, das hat die
Analyse gezeigt.
