30.05.2000

 

Musik in Film und Fernsehen wird weitgehend unbewußt als Hintergund und bloße Färbung des visuellen Wahrnehmungsobjekts aufgenommen. Ihr Beitrag zur Gesamtwirkung wird deshalb meist unterschätzt. Bei genauer Analyse ist man dagegen immer wieder erstaunt, wie genau kalkuliert und bedeutungsgeladen sie sein kann. Ihre gefühls- und assoziationslenkende Funktion ist kaum zu überschätzen.

Das folgende didaktische Modell folgt einem problemorientierten Ansatz, der Schülerinnen und Schüler zum Mitdenken und differenzierten Wahrnehmen führen soll. Das übliche Vorgehen, einen Werbespot zuerst vorzuführen, dann nach verschiedenen Aspekten zu untersuchen, hat im Unterricht mehrere Nachteile: Die ganzheitliche Wahrnehmung des fertigen Produkts beläßt den Schüler zunächst weitgehend in der beim Fernsehkonsum üblichen Haltung. Alles wird - sieht man von Reaktionen des Gefallens oder Mißfallens einmal ab - im Prinzip als selbstverständlich hingenommen. Die Aufgabe, die eingefahrenen Wahrnehmungsmuster aufzubrechen und neue Sichtweisen zu erschließen, ist dann dem analytischen "Zerpflücken" des ganzheitlich Wahrgenommenen vorbehalten. Das wirkt auf Dauer aber leicht ermüdend und demotivierend, weil man die (vermeintliche) "Hauptattraktion" ja schon "hinter sich hat". Ein problemorientierter Ansatz versucht, möglichst viele kreative Handlungselemente der Rezeption des vollständigen Werbespots vorzuschalten, durch die die Wahrnehmung verfremdet und produktives bzw. alternatives Denken stimuliert wird:

  • Grundsätzliche Fragen werden gestellt (z.B. Was tut man, wenn man wirbt? Wie kann man andere überzeugen / überreden? Wozu braucht man dabei Musik? usw.)
  • Eigene Vorüberlegungen und kreative Versuche sollen Alternativen bereitstellen, um eine bewußte und genaue Wahrnehmung des professionellen Produktes zu ermöglichen (z. B. Wie könnte man für den Intercity werben? Welches Image sollte man ihm geben? Welche Zielgruppe sollte man ansprechen? Wie müßte in diesem Falle die Musik aussehen?).
  • Einzelne Teile bzw. einzelne Parameter des Spots werden zunächst getrennt untersucht (Bildschnitte, Klangebene, Instrumentation, Musikstil usw.)

Im Prinzip geht es auf allen Stufen immer wieder darum, die 'Frage' (das Problem) zu finden, das im zu untersuchenden Gegenstand 'beantwortet' (gelöst) wird.
Für ein solches Verfahren ist es günstig, einen älteren, weil unbekannten Spot zu wählen, dessen Rezeption noch nicht "besetzt" ist.