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Latente Fragen
In Korrespondenz mit dem Gedanken, dass Unterrichtsinhalte immer in einer Beziehung zu der inneren Entwicklung des Kindes oder Jugendlichen stehen und im besten Sinne des Wortes "Entwicklungshilfe" sein sollten, steht auch ein zweiter Aspekt, der hier zumindest noch erwähnt werden soll. Steiner fordert die Lehrer wiederholt auf, sich um die "latenten Fragen" ihrer Schüler zu kümmern und in der Einrichtung ihres Unterrichts diese Fragen im Bewusstsein zu haben. Was meint Steiner mit diesem auf den ersten Blick recht kryptischen Begriff? In heutiger Terminologie käme wohl der Begriff des anthropologisch verstandenen Lebensweltbezugs7 als für die Gestaltung des Unterrichts zu berücksichtigende Größe dem zumindest annähernd nahe. Gemeint ist, dass die in Entwicklung begriffenen jungen Menschen immer wieder auf Grundfragen und probleme des Mensch-Seins stoßen, ohne dass sie diese Fragen explizit in Worte zu fassen in der Lage wären. Oft äußern sich diese "Fragen" als ein rebellisches Aufbegehren oder als ein Rückzug ins eigene Innere, als spontane Glücks- oder Unglücksbekundung ohne ein tatsächliches Bewusstsein von den jeweiligen Ursachen ("Ich weiß gar nicht, warum ich weinen muss") usw. Diese Äußerungen nicht nur als Oberfläche wahrzunehmen, sondern ihnen selber mit innerer Fragehaltung gegenüberzustehen, was sich denn in ihnen äußere, obwohl es selbst den Jugendlichen noch nicht eigentlich bewusst ist, sei eine Aufgabe des Lehrers. Dass es angesichts dieser sensiblen Aufgabe gilt, besonders sorgfältig darauf zu achten, nicht der Gefahr eines vorschnellen und oberflächlich-psychologisierenden Interpretierens von Schüleräußerungen und -verhalten zu erliegen, versteht sich von selbst! Gelingt es allerdings, sich in dieser Weise sensibilisiert in die äußere und innere Situation eines Jugendlichen hineinzufühlen, können einem auch Elemente innerhalb der Musik zu wichtigen Hilfsmitteln werden, dem Schüler "Antwortangebote" (und nicht mehr!) auf dessen "latente Fragen" zu machen. Dann kann es beispielsweise hilfreich und im besten Sinne wirksam sein, in einem Alter, in dem die innere Gefühlswelt noch recht ungeordnet "brodelt", die vielfältigen Farben und Charaktere so harmloser und scheinbar eindeutiger Phänomene wie Dur und Moll in unterschiedlichen musikalischen Zusammenhängen (beispielsweise in Schubertliedern) wahrzunehmen und als jeweils angemessen dadurch zu identifizieren, dass man sich in eben diese Charaktere in gerade diesen musikalischen und ggf. inhaltlichen - Zusammenhängen einfühlt, um diese Erlebnisse dann auch benennen und beschreiben zu können. Ebenso kann es wichtig sein, Chancen und Probleme von Freiheit im improvisatorischen Umgang mit Musik insbesondere dann zu erleben, wenn die Problematik von Gebundenheit und Freiheitssehnsucht auch ein Stück selbsterlebter Lebensproblematik ist, wenngleich dies dem Betroffenen vielleicht nicht einmal ganz bewusst ist.
Auch diese Beispiele mögen als Andeutungen für das Gemeinte so stehen bleiben. Sie bedürften sicher weiterer Diskussion und vor allem umfangreicherer Konkretion als es hier möglich ist. Dennoch hat vielleicht deutlich werden können, dass dem Musikunterricht an Waldorfschulen nicht etwa eine feste, womöglich gar von Steiner vorgeschriebene Reihe curricular zusammengefasster Inhalte zugrunde liegt. Vielmehr liegen Anregungen vor, wie mit einem möglichst hohen Maß an Sensibilität die es natürlich immer weiter auszubilden gilt die Schüler selber, ihre individuelle und alterstypische Entwicklung anzuschauen seien mit der Frage, wie sich aus dem, was diese konkreten Schüler ihren Lehrern an Fragen, Aufgaben und Problemen, aber auch Möglichkeiten und Fähigkeiten entgegentragen, ein individueller Lehrplan für diese konkrete Schülergruppe entwickelt werden kann.
Das hier Dargestellte ist zugegebenermaßen ein Ideal. Das gilt sowohl für die Fähigkeiten des Lehrers als auch für die Möglichkeiten unterrichtlicher Gestaltung. In der konkreten Unterrichtssituation ist jeder Lehrer auch jeder Waldorf-Musiklehrer nur so gut, wie es ihm gerade möglich ist. Dennoch darf man hoffen, dass das Streben auf das skizzierte Ideal hin auch die konkrete Unterrichtssituation nicht unberührt lässt. Nichts ist gefährlicher für einen lebendigen Unterricht als die Überzeugung des Lehrers, zu wissen, wie "es" geht ("Diese Stunde funktioniert, die habe ich schon x-mal gemacht"). Insofern sollte den Waldorf(musik)lehrer das Bemühen kennzeichnen, die oben in einigen Beispielen angedeuteten Anregungen immer wieder neu zu be- und hinterfragen, experimentierend und nach allen Seiten offen mit ihnen umzugehen, immer in der Gewissheit, dass diese Anregungen allenfalls Hilfestellungen sein können bei der Suche nach demjenigen, was einer jeweils konkreten Schülergruppe inhaltlich und methodisch angemessen sein könnte.
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