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Claudia Meyer
Das musikdidaktische Konzept Maria Montessoris
Bei dem Vorhaben, sich mit dem musikdidaktischen Konzept Maria Montessoris auseinanderzusetzen, begegnet man häufig dem Vorurteil, in Montessorieinrichtungen würde mehr das intellektuelle und mathematisch schematisierte als das musikbezogene Lernen gefördert. Diese Meinung bezüglich der Vernachlässigung der Musikerziehung bei Maria Montessori wird übrigens nicht nur von Laien, sondern auch von namhaften Expertinnen und Experten in der deutschsprachigen Montessoriforschung vertreten. Bei intensivem Studium der internationalen Montessoriliteratur wird jedoch deutlich, dass für Maria Montessori die Musikerziehung integraler Bestandteil des täglichen Kinderhaus- und Schullebens war.
Die Grundlage für die musikalische Bildung besteht in der Sensibilisierung des Gehörs und der Motorik, die sich das Kind durch eigene Aktivität innerhalb einer vorbereiteten Umgebung aneignen kann. Hier wird bereits ein wesentliches Prinzip der Montessoripädagogik deutlich. Maria Montessori geht vom eigengesteuerten schöpferischen Selbstaufbau des Kindes aus. Die Lehrkraft greift nicht aktiv in die Entwicklung des Kindes ein, versteht sich nicht als Bildnerin des Kindes, sondern leistet Hilfestellung zum Aufbau der eigenen Persönlichkeit. Sie versucht dem Kind eine Umgebung zu schaffen, in der es sich optimal entwickeln kann und stellt den Kontakt zwischen dem Kind und der Umgebung - und das bezieht sich nicht nur auf materielle Angebote - her. Das Kind wählt aus den Angeboten der Lehrkraft selbst aus und entscheidet, wann und mit welchem Material oder Thema es sich auseinandersetzt. In altersgemischten Lerngruppen werden den Kindern täglich verschiedene Musikbeispiele angeboten, die als besonders geeignet für vielfältige Bewegungsgestaltungen angesehen werden. Der Bereich der Gehörsensibilisierung im Kinderhaus umfasst neben eigens entwickelten Sinnesmaterialien, so den Geräuschdosen, den Montessoriglocken und den Montessoriprismen, auch "Führen-und-Folgen-Spiele", Klangexperimente und Spiele zur Unterscheidung von Klangfarben. Für das Schulkind wird der komplexe Bereich der Musik in einzelnen überschaubaren Teilbereichen angeboten. Die Schwerpunkte bilden die Bereiche Melodie und Rhythmus. Den Kindern werden verschiedene Instrumente sowie Rhythmus- und Metrumspiele zur Verfügung gestellt. Sie erhalten Angebote der rhythmischen Gymnastik nach Émile Jaques-Dalcroze, lernen aber auch kulturspezifische traditionelle Tänze kennen. Neben dem Singen wird das Hören von komplexer Musik gefördert. Auf Grund der Erfahrungen, die das Kind in diesen Bereichen erwerben kann, gelangt es zu einem musikalischen Verständnis, dem eine Einführung in die Symbolik, die Notation folgt. Diese wird als Hilfsmittel verstanden, um unbekannte Werke zu erschließen oder eigene kompositorische Ideen festzuhalten sowie eine Sammlung von Werken anzulegen. Weitere Einzelaspekte der Musik betreffen die Musikgeschichte und die Instrumentenkunde. Durch den Zusammenschluss der einzelnen Bereiche soll das Kind befähigt werden, zu einer umfassenden musikalischen Bildung zu gelangen, Zugang zur Kultur zu erhalten und die Voraussetzungen zum eigenen musikalischen Ausdruck zu erwerben. In der musikdidaktischen Konzeption werden sowohl Konzertbesuche als auch fachübergreifende Aspekte und Inszenierungen als notwendig und sinnvoll angesehen. Im Sinne einer ganzheitlich umfassenden Entwicklung der Persönlichkeit wird die künstlerische Entwicklung gleichberechtigt neben der intellektuellen und sozialen eingeordnet. Da in der musikdidaktischen Konzeption das tägliche Musikangebot angestrebt wird, soll die musikalische Anregung weitestgehend durch die Klassenlehrerin angeboten werden. Die fachliche Qualifikation ist innerhalb der Zusatzausbildung zur Montessorilehrerin vorgesehen. Leider ist der musikdidaktische Entwurf, der in Zusammenarbeit von Maria Montessori, Anna Maria Maccheroni und Elise Herbatschek erstellt wurde, innerhalb deutscher Montessorieinrichtungen unbekannt. In vielen Kinderhäusern und Schulen wird der Musikunterricht jenseits der Freiarbeit im frontalen traditionellen Klassenunterricht durchgeführt, oft das Orffsche Prinzip oder die Suzukimethode favorisiert. Es stellt sich die Frage, inwiefern aus dem musikdidaktischen Entwurf neue Impulse für den Musikunterricht an Regelschulen abgeleitet werden können. Die Eingliederung in den traditionellen Fachunterricht erscheint als nicht sinnvoll. Der skizzierte musikdidaktische Entwurf ist als Angebot, nicht als Verpflichtung zu verstehen. Die Kinder entscheiden selbst, ob, wann und über welchen Zeitraum sie sich mit musikalischen Themen auseinander setzen. Dieses ist im Frontalunterricht nicht möglich. Auch wenn die Instrumente und Montessorimaterialien aufgrund ihrer liebevollen, sorgfältigen Verarbeitung, des hochwertigen Materials, der kindgerechten Proportionen und der einfachen Zugangsweise besonders beliebt bei Lehrenden sind, werden die pädagogischen Prinzipien Maria Montessoris bei einer verpflichtenden Anwendung der Materialien im Klassenverband ignoriert. Der musikdidaktische Entwurf Maria Montessoris lässt sich bei angemessener Weiterentwicklung nur in solche Schulen integrieren, die durch entsprechende offene Arbeitsangebote strukturiert sind. Die Betonung der Weiterentwicklung des musikdidaktischen Entwurfes ist notwendig, da innerhalb von Ausbildungskursen und Montessorieinrichtungen eine Tendenz der dogmatischen Anwendung von Materialien besteht. Ein wissenschaftlicher Dialog könnte sowohl für die Montessorieinrichtungen als auch für die Regelschulen fruchtbar sein, wenn nicht versucht wird, ein Relikt vergangener Zeiten zu bewahren, sondern über die museale Bedeutung hinaus essentielle Prinzipien für die Gegenwart adaptiert werden.
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