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Kulturelle Identität in den musikalischen Lebenswelten Eine berechtigte Frage lautet: Gibt man nicht, wenn man einem derartigen Pluralismus der kulturellen Werte das Wort redet, die eigene kulturelle Identität auf? Die Frage nach der kulturellen Identität drängt sich bei einer multikulturell orientieren Musikpädagogik auf. Um sie beantworten zu können, ist es nötig abzuklären, worin kulturelle Identität besteht und wie sie entsteht, befestigt wird, sich fortentwickelt. Kulturelle Identität bedeutet, dass die Musik ein wichtiges Element, ein zentraler Bestandteil meiner persönlichen Lebenswelt geworden ist. Wie aber entwickelt sich diese kulturelle Identität? Eine erste Erklärung liefert die Metapher vom unbeschriebenen Blatt, dem der Mensch bei seiner Geburt gleicht. Im Verlauf des Heranwachsens wird dieses Blatt beschriftet, die Schrift dringt mehr oder weniger tief ein, und die zuerst gelegten Spuren setzen sich immer tiefer fest, auch wenn ständig neu darüber geschrieben wird. Der Schreibstift drückt mehr oder weniger tief ein, verdeckt altes oder vertieft es, entsprechend der Stärke der emotionalen Beteiligung (involvement). Diesbezüglich besitzen höchste Intensität: erstens die Kindheit (mit dem stärksten Einfluß durch die Bezugsperson(en), das heißt durch die familiäre Binnenorientierung) und zweitens das Jugendalter - mit dem tiefsten involvement über die Peers, was eine soziale Außenorientierung mit starkem Medienbezug bedeutet. Der Diskussionsstand in der gegenwärtigen Kognitionspsychologie weist uns darauf hin, dass die Metapher vom unbeschriebenen Blatt (Rousseau) so nicht richtig ist. Erst einmal sind die Strukturen des Gehirns und des gesamten neuralen Systems genetisch vorgegeben. Darüber hinaus sind die grundlegenden Emotionen als kulturübergreifende Universalien offenbar vorprogrammiert. Lediglich die konkrete Sprachform, Stil, grammatikalische Strukturen, Vokabular etc. sind kulturspezifisch. Zu Recht hebt denn auch Ernst Klaus Schneider (1993, S. 5) in seinen didaktischen Überlegungen zur musikalischen Lebenswelt die Schlüsselfunktion der "allgemeinen Grunderfahrungen" hervor, die diese für wechselseitige kulturelle Annäherungen und Ausweitungen der subjektiven Lebenswelten besitzen. Die kulturelle Identität ist eine biographische Größe; sie entwickelt sich fortwährend weiter, ein Leben lang. Die biographische Dimension weist darauf hin, dass Erfahrungen, die in einem bestimmten Entwicklungsstadium gemacht werden, nicht zu jeder beliebigen Zeit nachgeholt oder aufgehoben werden können. Was also die Eltern in der frühen Kindheit versäumt haben, kann die Schule später nicht einfach nachholen usw. Kulturelle Identität entsteht durch die kulturelle Praxis von Geburt an. Dabei ist die mit der Musik verbundene Emotion von zentraler Bedeutung, erst nach und nach kommen gedankliche Reflexion und kulturelles Wissen, kommt "Theorie" (in einem umfassenden Sinn) hinzu. Die wirksamen, qualitativ bedeutsamen musikalischen Erfahrungen sind an die musikalische Praxis gekoppelt. Für die kulturelle Identität ist die Qualität der Erfahrungen wichtig, nicht so sehr, an welcher musikalischen Stilrichtung diese Erfahrungen gesammelt werden. Worauf alle musikerzieherische Arbeit hinauslaufen müßte, ist eine große Ernsthaftigkeit im Umgang mit Kunst. (Hinter dieser Überzeugung steht eine Forderung Adornos nach der Einheit von Kunst und Wahrheit, von Kunst und Leben!) Nur das ermöglicht es, in der Kunst als Spiegel des eigenen Lebens zu erfahren und sein Leben durch die Kunst zu bereichern. Bloße Medienrezeption ist dazu nicht in der Lage, denn die Medien sind Staffage, liefern einen Teppich (den man betritt, aber nicht betrachtet), bestenfalls spiegeln sie, was die Menschen bewegt. Nur wenn die Pädagogik die Musik in ihre Mitte stellt, kann sie die Menschen bewegen. Nur dann gilt die Maxime des englischen Musikpädagogen David J. Elliott (1995) - music matters. |