BAUSTEINE

Baustein 1

Die Anfänge der Gattung: Bachs Cembalokonzert d-Moll BWV und die Konzeption des Johann Heinrich Koch von 1793.

Unterrichtsverlauf:

  • Gemeinsames Hören einer Aufnahme des 1. Satzes des Bach-Konzertes (nur mit der Ankündigung als Bachsches Klavierkonzert) und Erstellen eines Hörprotokolls unter vornehmlicher Beobachtung der Aspekte Instrumentation und Form.

Erwartung: "Klavierkonzert" = Cembalokonzert // Wechsel von Tutti und Solo// Solo bedeutet nicht unbedingt die Abwesenheit der Orchesterstimmen// Bezug zum Concerto grosso// Evtl.: einziges Thema erscheint ausschließlich im Ritornell.

  • Die Schülerinnen und Schüler versuchen, evtl. unter Zuhilfenahme des Klaviers, den Themenkopf zu notieren und die Tonart zu bestimmen. Anfangston und -wert werden vorgegeben.

Arbeit mit Material 1 (=Arbeitsblatt) gemäß den Aufgabenstellungen.

 

MATERIAL 1

Die Ursprünge der Gattung Klavierkonzert

Aufgaben:

1) Gehen Sie nun absatzweise den Koch-Text durch. Versuchen Sie zunächst, die unterstrichenen Begriffe zu "übersetzen" und anschließend den Inhalt des Absatzes mit eigenen Worten wiederzugeben. Machen Sie sich dabei am Rand Notizen. Anschließend überprüfen Sie bitte die Aussage jeweils am Notentext des Bach-Konzertes.

2) Fassen Sie die Ergebnisse in einer Tabelle zusammen.

 

Heinrich Christoph Koch: Versuch einer Anleitung zur Composition III, Leipzig 1793, ND Hildesheim 1969, S. 333-339.

§ 120
Das erste Allegro des Concerts enthält drey Hauptperioden, welche der Concertspieler vorträgt, und die von vier Nebenperioden eingeschlossen sind, die von dem Orchester als Ritornelle vorgetragen werden. Das erste Ritornell pflegt man in den modernen Concerten sehr lang auszuführen. Es besteht aus den vorzüglichen melodischen Theilen, die zur Anlage des Allegro gehören, welche in eine andere Verbindung gebracht, und durch andere Hilfsmittel erweitert werden, als es im Solo der Concertstimme geschieht. [...] Das erste Ritornell wird [...] dergestalt geformt, daß zwar die Modulation förmlich in die Tonart der Quinte geleitet, und nach dem Quintabsatze derselben ein melodischer Haupttheil in tiefer Tonart vorgetragen wird. Unmittelbar hernach aber wird, ohne in dieser Tonart förmlich zu schließen, die Modulation wieder in den Hauptton zurückgeführt und das Ritornell derselben geschlossen. [...]

§ 123
Bey den drey Hauptperioden der Concertstimme bleibt uns hier nichts zu bemerken übrig; sie haben die nemliche äußerliche Einrichtung, und den nemlichen Gang der Modulation wie die drey Hauptperioden in dem ersten Allegro der Sinfonie. Die Art der Melodie hingegen ist der Melodie der Sonate sehr ähnlich. [...] Dabei wird die Melodie der Hauptstimme [...] zuweilen von dem Orchester durch kurze Sätze unterbrochen [...]. [Die Begleitstimmen] erwarten nicht immer den Einschnitt oder Ablaß der Hauptstimme, sondern lassen sich mitten im Vortrage derselben wechselweise durch kurze Nachahmungen hören, die jedoch dergestalt angebracht und eingerichtet werden müssen, daß die den Vortrag der Hauptstimme nicht verdunkeln.

§ 124
Mit dem Schlußtone des ersten Hauptperioden, der [...] in der Tonart der Quinte schließt, tritt das zweyte Ritornell mit dem Hauptsatze wieder ein, trägt einige melodische Theile wieder vor, die schon im ersten Ritornell enthalten waren, und schließt ebenfalls in der Tonart der Quinte mit einer förmlichen Cadenz. Mit dem Schlußtone dieser Cadenz hebt das zweyte Solo wieder in dieser Tonart an; und zwar geschieht der Anfang dieses zweyten Solo gemeiniglich vermittelt eines solchen melodischen Theils, der nicht in dem ersten Hauptperioden enthalten war [...]. Dieser Periode [...] wird also mit der weichen Tonart der Sexte, zuweilen auch in der weichen Tonart der Sekunde oder Terz geschlossen. Mit dem Schlußtone tritt wieder ein kurzes Ritornell ein, welcher [...] die Modulation wieder in den Hauptton zurückführt, in welcher dieses Ritornell mit dem Quintabsatze schließt, damit das dritte Solo in der Hauptstimme wieder mit dem Haupttone anfangen kann.

§ 125
Das dritte Solo der Concertstimme gleicht wieder in Ansehung der Form dem dritten Hauptperioden des ersten Allegro der Sinfonie. Mit dem Schlußtone dieses Perioden machen die Ripienstimmen vermittelt einiger Tacte gewöhnlich eine Einleitung zu einer Fermate auf dem Sexquartenaccorte des Grundtones, welche der Concertspieler länger aushält, als die übrigen Instrumente, und mit derselben entweder eine freye Fantasie oder aber ein Capricio verbindet, welches man mißbrauchsweise eine Cadenz zu nennen pflegt, weil es bey dem Schlusse des Tonstücks gemacht wird. Mit dem Schlußtone dieser sogenannten Cadenz, welche sich jederzeit mit einem förmlichen Tonschlusse endigt, fängt das letzte Ritornell an, welches aus den lezten melodischen Theilen des ersten Ritornells zu bestehen pflegt, und mit welchem das ganze erste Allegro geschlossen wird.

 

Erwartung: Der Text ist erst lange nach Bachs Tod erschienen. Damit wird es unmöglich, dass sich Bach an Kochs "Rezept" orientiert haben könnte und auch unwahrscheinlich, dass Koch sich auf Bach bezog.