Handlungsorientierter Unterricht

Eine wichtige Frage ist, ob das Hören von Musik aus anderen Kulturen immer einmünden sollte in vokales oder instrumentales Nachvollziehen, ob also Selbsttätigkeit auch in diesem Bereich zu einem besseren Verständnis führen kann. Dies ist sicher häufig der Fall. Besonders Musik aus Schwarzafrika hat in den letzten Jahren zunehmend Eingang in den Musikunterricht gefunden.



Abbildung 3: Hot Marimba!

In zahlreichen Kursen konnten und können sich interessierte Musiklehrerinnen und Musiklehrer mit wichtigen Elementen schwarzafrikanischer Musik vertraut machen, ansatzweise Grundelemente afrikanischen Trommelns selbst ausprobieren, nach afrikanischen Vorbildern tanzen und singen. Diejenigen, die ihre eigenen Erfahrungen im Musikunterricht weitergegeben haben, berichten übereinstimmend, daß ihre Schülerinnen und Schüler außerordentlich motiviert mitgearbeitet haben und daß ihnen schwarzafrikanische Musik durchaus nicht immer als fremd erscheint.

„Beim Verfolgen von materialen und stofflichen Zielen...liefert die außereuropäische Musik eine Fülle von kindes- und jugendaltersgemäßen Handlungsangeboten, die für den Musikunterricht Abwechslung und Bereicherung, für die Schülerinnen und Schüler als Folge davon Motivation und Freude an der Arbeit bedeuten können. Es gibt wohl kein musikalisches Problem, das nicht durch ein außereuropäisches Musikbeispiel differenziert, zugespitzt oder aber veranschaulicht werden könnte...“ (Mack, 1992, S. 8).

Musik aus einigen Ländern - insbesondere aus Vorder- und Südasien sowie aus Japan und Indonesien - ist jedoch mit europäischen „Ohren“ nicht leicht nachzuvollziehen, weil wir mit den zugrundeliegenden Tonsystemen und den verwendeten Spieltechniken nicht vertraut sind. Auch sind viele Musikinstrumente anderer Länder nicht einfach durch Musikinstrumente zu ersetzen, die bei uns gebräuchlich sind. In all diesen Fällen sollten wir uns nicht mit dem begnügen, was nur scheinbar von uns imitiert werden kann, sondern uns den Feinheiten der Musik zuwenden. Und hierzu sind vor allem häufiges Hören und viele Informationen notwendig, weniger hingegen Eigentätigkeit. Dabei können Transkriptionen klingend überlieferter Musik die Höreindrücke durch Mitlesen präzisieren und bei der Analyse gute Dienste leisten.

Komplizierte Musik vor allem asiatischer Länder ist nicht durch Vereinfachung mit Hilfe des Orff-Instrumentariums erfaßbar. Für Schüler, die mit dem Orff-Instrumentarium vertraut sind, mag es einen gewissen Reiz haben, exotisch anmutende Klänge zu erzeugen. Wichtiger wäre meines Erachtens aber, ihnen durch Hörerfahrungen und Informationen die Unterschiede zu der uns vertrauten Musik zu verdeutlichen. Dies gelingt wohl am besten, wenn die Möglichkeit besteht, Musiker anderer Kulturen in die Schulen zu holen oder mit Schülerinnen und Schülern Livekonzerte zu besuchen.

In größeren Städten dürfte es auch nicht schwer sein, Instrumente etwa aus der Türkei, aus arabischen Ländern, aus Afrika oder Lateinamerika - ja selbst aus Indonesien - auszuleihen oder zu kaufen, um sie im Musikunterricht vorzustellen bzw. auszuprobieren. Wo sich derartige Möglichkeiten nicht bieten, können Videofilme sehr nützlich sein.

Eine - wenn auch zeitraubende - Möglichkeit, sich mit Instrumenten anderer Länder zu befassen, ist ihr Nachbau. Anregungen hierzu finden sich u.a. bei Ulrich Martini (1980) sowie in etlichen Schulbüchern. Allerdings ist die Gefahr nicht von der Hand zu weisen, daß derartige Aktionen und die anschließenden Klangexperimente im musikalisch Primitiven steckenbleiben.


Abbildung 4: Ulrich Martini, Musikinstrumente - erfinden, bauen, spielen

Auffällig ist, daß etliche Autoren, die Musik anderer Kulturen erwähnen, dies im Zusammenhang mit dem Thema Improvisation tun. Die Musik anderer Kulturen ist vielfach nicht der eigentliche Unterrichtsgegenstand, sondern lediglich willkommene Anregung zu eigenem Tun. Der Eigenwert solcher oft außerordentlich kunstvollen Musik kommt deshalb häufig viel zu kurz.