Zu den Funktionen der Filmmusik in "Episode I"

 

Text 1

George Lucas: "Die Musik kann Nuancen übermitteln, die man nicht sehen kann; sie sagt Dinge, die der Film nicht sagt."
(nach: Richard Dyer, The Boston Globe, 28.3.99, hier nach:
http://www.classicalrecordings-com/johnwilliams/tpm-session.htm, Übersetzung vom Verfasser)

George Lucas: "Ein Großteil der Geschichte und der Gefühle wird über die Musik erzählt. Musik ist eines der wichtigsten Elemente im Film."
(nach: Laurent Bouzerau / Jody Duncan: "Star Wars: The Making of Episode I - Die Dunkle Bedrohung", Nürnberg 1999, S.147)

George Lucas: "John Williams versteht wirklich etwas von Filmmusik. Sie ist nicht nur einfach unter den Film gelegt, sondern erzählt wirklich eine Geschichte."
(www.starwars.com, Übersetzung von Sony Music Media / Sony Classical)


Text 2

Interviewer: "Es ist kein Geheimnis, dass George versucht, Urformen zu kreieren. Seine Charaktere sollen mehr symbolisch als letztendlich menschlich sein. (...) Als Sie die Musik für die ersten Star Wars Filme geschrieben haben, dachten Sie da in ähnlichen Urformen wie George?"

John Williams: "Ich denke, dass das in der Musik allgemein der Fall ist. Wenn eine Figur ehrhaft und gut ist, dann sollte die Musik über eben diese Ehrbarkeit des speziellen Charakters hinausgehen und eigenständig werden. Sie beschreibt dann Güte an sich und nicht nur den besonderen Menschen."
(John Williams im Interview am 9.April 1999 in den Universal Studios, Los Angeles. Quelle: Sony Music Media / Sony Classical)

 


Text 3

"Im Film, wo die Musik immer bestimmte Bilder begleitet, konkretisiert das Bild den Ausdruck der Musik. Andererseits verallgemeinert die Musik das Bild durch die Mehrdeutigkeit ihres Ausdruckes. Darauf eben beruht u.a. die dialektische Einheit von Musik und Bild im Film.
Außerdem vertieft die Musik den emotionalen Ausdruck des Bildes, da sie im Zuschauer "reale" Gefühle hervorruft, d.h. da sie selbst den Zuschauer emotional affiziert, während das Bild nur vorgestellte Gefühle, die dem Filmhelden zugeschrieben werden und ebenso imaginativ sind wie er, hervorrufen kann. Darüber hinaus kann die Musik das Bild ausdrucksmäßig kommentieren, sofern das Bild selbst keinen eindeutigen Ausdruck hat."
(Zofia Lissa: Ästhetik der Filmmusik, Berlin 1965, S. 175)

 


Text 4

Frage: "Wenn Sie in ein derartiges Projekt involviert sind, haben Sie dann das Gefühl, etwas von der Geschichte miterzählen zu dürfen?"

John Williams: "Was Sie da vermuten, ist richtig. Die Musik macht einen wesentlichen Teil des Charakters eines Films aus. Er beinhaltet eine melodische Verbundenheit mit einer Reihe von Charakteren, was sehr typisch für die Oper aus dem 19.Jahrhundert und früher ist. Das musikalische Erkennen eines Charakters oder einer Handlungsszene wird zu einer Reihe von akustischen Orientierungspunkten."
(John Williams im Interview am 9. April 1999 in den Universal Studios, Los Angeles. Quelle: Sony Music Media / Sony Classical)

 

Text 5

"Interessanterweise beendet Williams die Filmmusik mit einer sehr ‚dunklen' Stimmung. Statt eines abschließenden Statements mit der Star Wars-Fanfare - wie am Schluss der anderen Musiken - erlaubt er dem dunklen Unterton von Anakins Thema uns zum Schluss hin zu führen (...) Zweifellos ein Hinweis auf die Dinge, die da kommen werden."
(http://www.filmtracks.com/titles/phantom_menace.htm , Übersetzung vom Verfasser)


 

 

 

Zum Zusammenhang von Produktion und Rezeption:

Text 6

"Wenn wir Musik für Filme schreiben, dann haben wir nicht die volle Aufmerksamkeit des Publikums. Die Leute hören viele Soundeffekte oder Dialoge und nehmen die Musik vielleicht nur ein- oder zweimal bewusst wahr. Deshalb muss die Musik einfach und eindeutig sein. Man muss sie durch die Dialoge durchhören können. So gewinnt man die Aufmerksamkeit Note für Note, Schritt für Schritt. Eine Art, wie man das erreichen kann, wenn eine Musik in ihrer Endform etwas komplex ist, wenn sie also z.B. zwölf Noten hat, ist, dass das Publikum vielleicht die ersten drei davon im zweiten Abschnitt hört, dann sechs im fünften und erst am Ende des Films die volle Komposition. Schließlich gibt es noch den faszinierenden Effekt, dass das Publikum etwas unbewusst präsentiert bekommt, ein unausweichliches Schicksal, welches das Publikum vielleicht schon selbst vorhergesagt hat. Das ist ein Teil des dramatischen Mechanismus, wie man das Publikum fesseln kann. Wenn wir es schaffen, eine Musik zu kreieren, die man auch im Wirrwarr von Dialog und Effekten leicht in Erinnerung behält, dann ist es um so besser für uns."
(John Williams im Interview am 9.April 1999 in den Universal Studios, Los Angeles. Quelle: Sony Music Media / Sony Classical)


 

Zu Anakins Thema:

 

Text 7

"Es war für mich eine besondere Herausforderung, die Musik einerseits gleich, andererseits neu und anders zu gestalten. Anakins Erkennungsmelodie habe ich, genauso wie George das Drehbuch, rückwärts geschrieben. Es ist in Wirklichkeit Darth Vaders Musik, die ich einfach auseinandergenommen und anders wieder zusammengesetzt habe. Wenn man genau hinhört, kann man die Intervalle aus Darth Vaders 'Imperial March', der ja ein Teil der bösen imperialen Macht ist, herausfiltern. Ich habe sie einfach in eine sehr niedliche und kindliche Melodie verwandelt. (...) Jetzt hört man praktisch die Metamorphose von etwas, das mal auf eine sehr unschuldige Art begonnen hat und dann in der uns bekannten Art verhängnisvoll endet. Die Musik verwandelt sich wie der Junge in etwas Dunkleres und Komplizierteres."
(John Williams im Interview am 9.April 1999 in den Universal Studios, Los Angeles. Quelle: Sony Music Media / Sony Classical)


Text 8

Das Thema "überträgt die emotionale Komplexität von Anakins Charakter; die jugendliche Unschuld und Naivität genauso wie das 'Empordämmern' seiner dunklen Zukunft."
(http://www.filmtracks.com/titles/phantom_menace.htm , Übersetzung vom Verfasser)

 

Text 9

"Die Leistung eines Leitmotivs reduziert sich auf die eines musikalischen Kammerdieners, der seinen Herrn mit bedeutsamer Miene vorstellt, während den Prominenten ohnehin jeder erkennt."
(Theodor W. Adorno / Hanns Eisler: Komposition für den Film (textkritische Ausgabe von Eberhard Klemm), Leipzig 1977, S. 38)

"Ein Ende ist gar nicht abzusehen. So wäre es ein echter Fortschritt der Filmmusik, eine in Dollars und Cent ausdrückbare Hollywoodidee, jedem Schauspieler sein eigenes Reklamemotiv beizugeben, das in all seinen Filmen wiederkehrt, sooft er sich blicken lässt."
(ebenda, S. 100)


 

Zu "Duell of the Fates":

Text 10

"Dieser Chorgesang, der etwas mit dem Schwertkampf zu tun hat und am Ende des Films erscheint, ist das Ergebnis davon, dass ich dachte, etwas Rituelles, Mystisches und Antikes könnte dort sehr effektiv sein. Ich hielt die Verwendung eines Chores an dieser bestimmten Stelle für notwendig und richtig. Und um die Idee der musikalischen Einfachheit ein bißchen weiterzuführen, hatte ich das Gefühl, dass etwas Text für deren Umsetzung erforderlich sei. (...) Ich bat ein paar Freunde von der Harvard Universität, die Geschichte zunächst ins Keltische zu übersetzen, dann ins Griechische und schließlich in Sanskrit, einfach um nach guten Klängen für eine Chor und passenden Vokalen zu suchen. (...) Sanskrit ist bei uns weniger bekannt und hat einen wunderschönen Klang. Es ist eine wunderschöne Sprache. Ich habe die wörtlich übersetzten Strophen verkürzt und entweder einzelne Worte oder Silben oder Kombinationen aus beidem benutzt wie z.B. die Worte "gefürchteter Kampf" und sie einfach wiederholt. Jeder kennt diesen Gedanken von dem "Halleluja" - Chorgesang, bei dem man 20 Minuten lang nur das Wort 'Halleluja' singt. Das verleiht der Musik eine ganz besondere Atmosphäre."
(John Williams im Interview am 9.April 1999 in den Universal Studios, Los Angeles. Quelle: Sony Music Media / Sony Classical)

 

Text 11

"Die Beziehungen zwischen Filmmusik und Bildinhalten lassen sich in der Praxis auf drei Typen festlegen:

  • Paraphrasierung, d.h. der eindeutige Charakter der Musik stimmt mit den eindeutigen Bildinhalten überein;

  • Polarisierung, d.h. der eindeutige Charakter der Musik schiebt inhaltlich neutrale oder doppeldeutige Bilder in die Richtung, die ihr Charakter vorgibt;

  • Kontrapunktierung, d.h. der eindeutige Charakter der Musik widerspricht den eindeutigen Bildinhalten."
    (Hansjörg Pauli: Filmmusik, in: Dahlhaus, C. (Hrsg.): Funk-Kolleg Musik. Band 2. Frankfurt a.M. 1981. S. 360)