Bei Strawinsky finden sich alle Ingredienzen des 'normalen' Marsches:

  • Fanfarenrhythmus (Tonrepetition im anapästischen Rhythmus), 'Geschmetter'
  • Dreiklangsfanfaren
  • punktierter Marschrhythmus
  • Hmta-Begleitung (pendelnde Quart bzw. Quint als Bassfundament der nachschlagenden Akkorde)
  • Wechsel von Skalen- und Dreiklangsmelodik

Doch bei der Organisation des Materials gibt es große Unterschiede: Der Ablauf im Doppeladlermarsch ist regelmäßig, die Elemente passen sich dem durchgehenden Takt an, die Motive wechseln im 2-Taktrhythmus (a: T1-2, b: T. 3-4, a: T. 5-6, b': T. 7-8) und summieren sich zu einer korrekten Periode mit 4-taktigem Vorder- und 4-taktigem Nachsatz. Dabei suggeriert die Übernahme eines Elements aus a in T. 6 (punktierte Skalenmelodik) einen organischen Zusammenhang. Kongruent zum periodischen Aufbau verhält sich auch die Harmonik (G7 - C - G7 - C - G7 - C - G - D- G). Einspielungen des Stückes verstärken den Eindruck eines organischen Ablaufs durch eine Dynamikkurve (cresc., decresc.). Der Hörer findet sich gut zurecht, vor allem da dieser 1. Teil sofort wörtlich wiederholt wird. Hörerwartungen werden aufgrund der weitgehenden Erfüllung von Schemata in der Regel bestätigt.

Bei Strawinsky ist alles verfremdet:

Regelmäßige Taktgruppen und wörtliche Wiederholungen gibt es nicht. Die Melodik ist gegenüber dem Takt verschoben. (Bei Durchsicht der Strawinsky-Partitur zeigt sich, dass der Bass stur am 2/4-Takt festhält, die anderen Stimmen aber Taktwechsel (Polymetrik) aufweisen (Im obigen Notenbeispiel ist der besseren Vergleichbarkeit wegen ein durchgehender 2/4-Takt notiert). Auch die tonale Einheit ist aufgegeben: Die Begleitung steht in G-Dur, die Melodie (am Anfang) in A-Dur (Polytonalität). Gleich der Anfang zeigt gegenüber der 'zurückkomponierten' Normalversion in der Verschränkung der Tonarten F-Dur, Des-Dur und E-Dur das Ausmaß der Deformation.

Bild 10

Eine harmonische Entwicklung findet nicht statt: Alle Elemente werden in die stehende G-Fläche des Basses eingeblendet. Motivische Beziehungen sind sehr stark vorhanden, aber sehr mehrdeutig, versteckt bzw. verbogen. Das zweitaktige Anfangsmotiv spiegelt sich in vielfältiger Form in den Takten 5-12: Andeutungen von Umkehrung, Krebs und Wiederholungen lassen sich ausmachen, aber keine klare Abbildung. Die letzten 8 Töne stellen eine diastematisch genaue Wiederholung des Anfangsmotivs auf der Untersekund dar (statt e-d-cis... nun d-cis-h...), diese 'Wiederholung' ist aber aufgrund der rhythmischen Deformation und der Verschiebung im Taktgefüge nicht mehr als solche direkt zu erkennen.

Bild 11

Wie im Sacre tritt also auch hier an die Stelle organischer Entwicklung eine kubistische Fragmentierungs- und Montagetechnik. Der 'normale' Marsch wird sozusagen auseinandergeschnitten, und aus den Elementen-Schnipseln neu zusammengesetzt.

Interessant wird die Diskussion, wenn man die beiden Stücke in ihrer ganzen Länge hört und die Formgestaltung vergleicht. Es fällt auf, daß beim Doppeladlermarsch die Form eigentlich viel stärker baukastenmäßig zusammengesetzt ist (AABB - Trio - AABB). Die einzelnen Teile sind sehr unterschiedlich, erkennbare innere Beziehungen sind nicht evident. Demgegenüber wirkt - entgegen dem Eindruck, der bei der Detailanalyse entsteht - Strawinskys Marsch viel einheitlicher. Auf einer höheren Ebene wirkt Strawinskys Werk organischer, zusammenhängender.

Diese ästhetische Reflexion gewinnt an Klarheit und Überzeugungskraft, wenn man sie parallelisiert mit vergleichbaren Porträtbildern.(Die Stücke der "Geschichte vom Soldaten" kann man ja auch als 'Porträts' von Tanztypen auffassen.)