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1. Musical und Schule 1. 1 Annäherung Soviel Konsens war nie in der Musikdidaktik: Das Musical ist - ganz ohne erbitterte Auseinandersetzung - zu einem der beliebtesten Unterrichtsge-genstände avanciert. Theater-AGs und Literaturkurse führen Musicals auf, ganze Schulen bündeln ihre Kräfte für die Produktion eines häufig vielbeachteten Musical-Ereignisses. Schulmusiker haben sich mit dem Musical Interesse und Motivation der Schüler, Anerkennung innerhalb des Kollegiums, Beachtung innerhalb der städtischen Kulturszene zurückerobert. Der musikalische Leiter oder gar der Komponist eines Musicals kann sich als Künstler profilieren und so dokumentieren, dass er Kunst und Pädagogik versöhnt und damit die Schule ins Leben zurückgeholt hat. 1.1.1 Von der Schulkultur Als ich Anfang der achtziger Jahre, angeregt durch theaterpädagogische Schulpraktika im Rahmen der Lehrerausbildung damit begann, Szenen und Songs für Kinder und Jugendliche zu schreiben, war diese Entwicklung noch nicht abzusehen. Die im Auftrag des Kultusministeriums Nordrhein-Westfalen im Schuljahr 1985/86 durchgeführte Untersuchung Schulkultur in NRW, die ich gemeinsam mit dem Literatur- und Theaterwissenschaftler Gunter Reiß durchführte und in zwei Bänden dokumentierte1, zeigte, dass die verschiedenen Formen musikalisch-szenischen Spiels zwar an einem Zehntel der befragten (knapp 3000) Schulen gepflegt wurden, dass das Musical sich jedoch eher am unteren Rand der Beliebtheitsskala befand.2 Seitdem hat sich die Position des Musicals an der Schule entscheidend verbessert ein Faktum, das zwar noch nicht durch eine der "Schulkultur"-Untersuchung vergleichbare Erhebung empirisch untermauert wurde, das sich jedoch beispielsweise aus der wachsenden Zahl von Berichten über Schulaufführungen von Musicals in den fachdidaktischen Zeitschriften ablesen lässt. Zwei Trends begünstigten diese Entwicklung. 1.1.2 ...zur Massenkultur (und zurück) 1986 war Cats in Hamburg gestartet, der Beginn des unaufhaltsamen Aufstiegs der Musicals von Andrew Lloyd Webber in Deutschland. Schnell avancierten sie mit ihren meist märchenhaften Sujets, der easy-listening-Musik, der prachtvollen Ausstattung und den überwältigenden Show-Effekten zu einem wichtigen Bestandteil der populären Kultur und zum attraktiven Familienvergnügen. Damit rückte es auch bald in das Blickfeld der Schulmusiker. Eigene Inszenierungen von Cats, Joseph oder Starlight Express, für die jeweiligen Möglichkeiten der Schule passend bearbeitet, wurden zu Highlights des Schullebens und zu wichtigen Facetten des Schulprofils. 1.1.3 Vielfalt der Fachdidaktik Der andere Trend fand innerhalb der Fachdidaktiken statt: die Abkehr von objektorientierten didaktischen Konzeptionen zugunsten subjektorientierter Ansätze. In der Musikpädagogik entwickelten, angeregt durch Publikationen von Rauhe, Reinecke und Ribke3, Autoren wie Nykrin, Roscher, Scheller und Brinkmann neue, Erfahrung und Lebenswelt der Schüler aufgreifende Konzeptionen, in denen ästhetische Erfahrung durch musikalisch-szenisches Spiel eine zentrale Rolle einnimmt.4 Stichworte wie Prozess- oder Produktorientierung, ganzheitliche ästhetische Erfahrung, integratives bzw. fächerübergreifendes Lernen prägten fortan die Diskussion. Konsequenterweise wurde populäre Musik in die meisten neuen Konzeptionen ausdrücklich einbezogen, so dass das Musical nun auch im schulischen Kontext seine Heimat finden konnte. 1.1.4 Vielfalt der Gattung "Musical" Das Genre Musical ist entgegen dem durch die STELLA-Produktionen entstandenen Eindruck so vielfältig, dass an dieser Stelle zunächst eine Definition des Terminus "Musical" erfolgen müsste, um den pauschalisierenden Gebrauch des Begriffs, wie er in der Praxis üblich ist, zu vermeiden. Es ist hier freilich nicht der Ort für ausgiebige definitorische Einlassungen, die zudem zwangsläufig mit einer zumindest aufrissartigen Darstellung der inzwischen hundertjährigen Geschichte der Gattung verbunden wären. Dies ist an anderer Stelle kompetent geschehen.5 Ich setze die Kenntnis der Gattungscharakteristika und -geschichte voraus, wenn ich im folgenden den Begriff "Musical" verwende. Explizit eingehen werde ich hingegen auf die Begriffe "Kinder-Musical" und "Jugend-Musical", da deren formale, inhaltliche und zeitliche Verortung noch nicht allgemein im Bewusstsein ist. 1.1.5 How to read / To whom it concerns Diesem ersten Teil meines Beitrags, der als wissenschaftliche Grundlage gedacht ist, steht ein zweiter, subjektiver gegenüber, der auf meinen eigenen Erfahrungen als Autorin zahlreicher, viel gespielter Kindermusicals basiert. Dieser Werkstattbericht kann auch als Anregung zum Selberschreiben gelesen werden. Grundsätzliche Überlegungen zu den musikpädagogischen Dimensionen der Musical-Arbeit in der Schule habe ich an anderer Stelle vorgelegt6, daher stehen sie in diesem Beitrag nicht im Vordergrund. Meine Ausführungen richten sich an Lehrkräfte aller Schulstufen und -formen. Die im zweiten Teil erwähnten Stücke sind überwiegend für Schüler bis zur 6./7. Klasse geeignet; der Schwerpunkt liegt auf der Orientierungsstufe.
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