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1. 2 Widersprüche Beobachtet man die Praxis, so fällt auf, dass in den letzten Jahren immer mehr "große" Musicals, vor allem aber Lloyd Webber-Stücke, an Schulen aufgeführt werden. In der Regel sind diese Aufführungen exakte maßstabverkleinerte Kopien der kommerziellen Originale. Von urheberrechtlichen Fragen abgesehen (die leider von manchen Lehrern nicht ernst genommen werden), erheben sich auch künstlerische und pädagogische Bedenken gegen diese Imitationen. 1.2.1 Professionalität Zum einen: Das Musical erfordert höchste Professionalität der Darsteller, die Tänzer, Sänger und Schauspieler in einer Person sein müssen, sowie der Show und der special effects. Beides ist in Schulaufführungen in der Regel nicht zu realisieren, daher müssen sie künstlerisch unbefriedigend bleiben. 1.2.2 Qualität Zum anderen: Das aktuelle Musical tendiert textlich wie musikalisch in eine Richtung, die man unter Anlegung gattungsimmanenter Qualitätskriterien und vor dem Hintergrund der inhaltlichen und stilistischen Möglichkeiten (und großartigen historischen Beispiele) des Genres nur noch als rückwärtsgewandt bezeichnen kann. Es herrscht eine Tendenz zu archaischer Gut-Böse-Polarisierung, zur Restauration überlebter Rollenklischees, zu mystischen Erlösungsideen, zu Lichtmetaphorik und pseudoreligiöser Symbolik. Parallel dazu ist eine Simplifizierung der Musik festzustellen, die freilich übertüncht wird durch ein üppiges Arrangement und eingebettet ist in eine glamouröse Sound-Landschaft, in der man einen einzelnen herausragenden, stimmigen Song, einen Hit, einen Ohrwurm vergeblich sucht. Möglicherweise geht der Besucherschwund der letzten Monate auch auf ein Unbehagen von Teilen des Publikums an eben dieser mangelhaften künstlerischen Qualität zurück. Hier genügt Unterhaltung nämlich nicht mehr dem Anspruch, spannend und abwechslungsreich zu sein. Und für Langeweile und Repetition des Immergleichen ist das Fernsehen zuständig, das zudem erheblich weniger kostet als ein Musicalbesuch. 1.2.3 Ästhetische Erfahrung Musikpädagogen kann es nicht gleichgültig sein, an welchen Gegenständen Kinder und Jugendliche ästhetische Erfahrungen machen. Eine sorgfältige Prüfung der möglichen Spielvorlagen ist erforderlich, um sicherzustellen, dass die vielfältigen ästhetischen und pädagogischen Dimensionen der Musicalarbeit in der Schule nicht durch Fantasie lähmende Reproduktionen qualitativ unzureichender Stücke verstellt werden. Anregungen zur Bewertung von Text und musikalischer Gestaltung liegen an anderer Stelle vor.7 Ist die aufführende Gruppe gut eingespielt und ihr Leiter theatererfahren, können vielleicht sogar professionelle Künstler für Regie und Choreographie gewonnen werden, so kann durchaus auch die Inszenierung eines Broadway-Musicals gelingen. Werke wie Guys and Dolls (Frank Loesser), Oklahoma! (Richard Rodgers) oder One Touch of Venus (Kurt Weill) um nur einige Stücke zu nennen, die in höchst gelungenen Aufführungen von Schülergruppen unter professioneller Leitung in letzter Zeit zu sehen waren sind textlich und musikalisch anspruchsvoll: im Original voller Sprachwitz, Ironie und parodistischer Elemente, mit vielen bekannten, "klassischen" Musical-Songs und komplex gesetzten Ensembles, kurzum: handwerklich meisterhaft und daher hervorragend geeignet, das Genre Musical zu repräsentieren und als Gegenstand ästhetischer Erfahrung zu fungieren. Für die "normale" Musical-AG einer finanziell nicht üppig ausgestatteten Schule erfüllen zahlreiche auch hier nicht alle! der eigens für Kinder und Jugendliche geschriebenen Musicals diese Funktion. Die im folgenden vorzustellenden Werke verzichten auf professionelle Darsteller und vor allem auf Showeffekte. Während sie in diesen beiden Punkten Musicalspezifik aufgeben aus pädagogischen Gründen , verlagern sie den Schwerpunkt auf Text und Musik aus künstlerischen Gründen. Gerade für Kinder vom Grundschulalter bis zum Eintritt der Pubertät ist der prägende Einfluss von Musik in Bezug auf die musikalische Entwicklung und Sozialisation, aber auch auf die Persönlichkeitsbildung nachgewiesen worden.8 Damit fällt dem Musiklehrer eine besondere Verantwortung zu auch im Blick auf die Auswahl anspruchsvoller Lerngegenstände im Bereich Musical. |