2. 2 Die Musik

2. 2. 1 Zitat und Parodie

Die letzte Strophe des Horror-Songs enthält ein musikalisches Zitat aus der Operette Die Fledermaus von Johann Strauß. Das Zitat ist ein Mittel der Verfremdung, der Karikatur, der Parodie. Im Horror-Song konterkariert es ironisch alles zuvor Gesagte.

In meinem Stück Mahlzeit! ist das Zitieren ein wichtiges Stilprinzip. Vom Volkslied (z. B. In München steht ein Hofbräuhaus) über den Elvis-Song (Rock around the clock) und das Kunstlied (Tschaikowskys Nur wer die Sehnsucht kennt) bis hin zur Haydn-Sinfonie (Sinfonie mit dem Paukenschlag, Thema des Variationensatzes) und zum Radetzky-Marsch wird zitiert und parodiert, was die Musikgeschichte hergibt. Als Nebeneffekt lernen die Kinder spielerisch einige "klassische" Stücke (bzw. Teile davon) kennen. Dies geschieht durch Selbsttätigkeit wesentlich intensiver als etwa durch die in Werbespots verwendeten Klassik-Partikel, die – wenn überhaupt als solche wahrgenommen – nur passiv rezipiert werden.

2. 2. 2 Musikstil(e)

Wesentlich ist bei den Song-Melodien im Kindermusical, dass sie gut singbar sind. Da Kinder heute mit Popmusik aller Art aufwachsen, verwende ich in meinen Stücken überwiegend einfache pop- oder schlagerartige Melodien, meist auf der Basis von Tänzen. Damit wird zwar einerseits die Palette der musicalspezifischen Musikstile eingeengt, andererseits bleibt die enge Verbindung zwischen Gesang und Tanz immer bestehen.

Der Rap als derzeit beliebteste Stilrichtung der Rockmusik kann einbezogen werden, sei es als Hinführung zum vielen Kindern heute gänzlich ungewohnten Singen, sei es als Gestaltungsmittel für einzelne Songs im Stück. Ein komplettes Kindermusical auf Rap-Basis kann jedoch musikalisch nicht befriedigen.

Die Verlage publizieren ihre Kindermusicals in der Regel ohne ausgearbeitetes Arrangement für bestimmte Besetzungen. Meist wird nur ein Klaviersatz vorgelegt. Dies hat seinen Grund in den sehr unterschiedlichen instrumentalen Möglichkeiten der aufführenden Schulen bzw. Gruppen. Jeder Musiklehrer kann also ein eigenes Arrangement für seine Gruppe maßschneidern. Dabei gibt es eine Reihe positiver Aspekte: Das auf die eigene Gruppe zugeschnittene Arrangement lässt die Fähigkeiten der Spieler hervortreten, fördert die Identifikation jedes einzelnen Spielers mit dem Stück, sichert die Aufmerksamkeit des Publikums und weist den Musiklehrer als kompetenten Musiker aus. Im Übrigen vertragen die meisten Kindermusicals unterschiedlichste Besetzungen: Die Rache der Igel wurde bereits von allen denkbaren Formationen zwischen Orff-Gruppe und Big Band gespielt. Hier bietet sich also eine breite Palette künstlerischer Gestaltungsmöglichkeiten für den stilsicheren und experimentierfreudigen Musiklehrer.

Ein melodisch einfacher, harmonisch und rhythmisch reizvoller Song wie das Lied der Kammerherren schreit geradezu nach einem Arrangement mit Bläsersatz und differenziertem Percussionsinstrumentarium.

2. 2. 3 Tanzrhythmen

Auch im Kindermusical besteht zwischen Sprache, Musik und Tanz eine enge Verbindung. Die spielenden Kinder sind, wie die erwachsenen Musical-Darsteller auch, Schauspieler, Sänger und Tänzer zugleich. Sie agieren in bestimmten Rollen und müssen auf der Basis dieser Charaktere Lieder sängerisch und bewegungsmäßig gestalten. Diese Synchronität verlangt höchste Konzentration und Körperbeherrschung.

Eingängige, unkomplizierte Melodien auf der Basis von gut unterscheidbaren Tanzrhythmen erleichtern diese Synchronisationsarbeit. Alle Arten von Tanz kommen in Frage: vom Volkstanz über den Gesellschaftstanz (Standardtänze) bis zum Pop- und Rocktanz nach aktuellster Mode. Wesentlich bei Gesellschaftstänzen wie Foxtrott oder Tango ist nicht, dass die Choreographie sich an den Richtlinien des Tanzlehrerverbandes orientiert, sondern dass synchrone, zum Text und zur Stimmung des Songs passende Bewegungsformen erarbeitet werden. Das gilt ebenso für große wie für kleinere singende Ensembles und auch für Solisten. Musical-Songs werden nie bewegungslos heruntergesungen, sondern stets choreographiert.

2. 2. 4 Funktionen der Musik

Die Musik im Kindermusical hat zunächst dienende Funktion, indem sie Texte begleitet und Tänze bzw. Bewegungen koordiniert. Darüber hinaus hat sie jedoch auch wesentliche dramaturgische Funktionen: Sie charakterisiert Figuren, stellt Kontraste und/oder Bezüge her, beschreibt Stimmungen, illustriert Vorgänge auf der Bühne, führt die Handlung weiter, überbrückt Umbaupausen. Ein klassisches Beispiel für diese musicaltypischen Aufgaben der Musik ist die Szene Cool, Boy! aus Leonard Bernsteins West Side Story.25 Hier wird mit musikalischen Mitteln geschildert, wie sich Aggression zwischen den feindlichen Gruppen aufbaut, wie sich ein Konflikt bis zum offenen Ausbruch entwickelt.

Als vorbildlich in diesem Sinne kann auch die Musik von Wilfried Hiller zu den Fabeln von Michael Ende gelten, wenngleich sie einem anderen Stilbereich entstammt. Auch hier werden bestimmte Instrumente, Motive und Rhythmen zur Charakterisierung von Figuren eingesetzt, werden mit Musik Stimmungen geschildert, Handlungen und Haltungen kommentiert, ganze Szenen gemalt (z. B. das Fußballstadion als lebende und lärmende Kulisse während des Fußballweltmeisterschafts-Endspiels der Fliegen gegen den Elefanten in Filemon Faltenreich).26 Wenngleich kaum ein Schulmusiker seine Kompositionen für den Schulgebrauch mit den Geniestreichen eines Bernstein oder Hiller zu vergleichen wagen wird – Vorbilder kann man gar nicht hoch genug ansiedeln!