Konstitutive Aspekte

Im Hinblick auf diese tieferen und umfassenderen Wirksamkeiten des Umgangs mit Musik hat Steiner eine Reihe von Aspekten gegeben, die als konstitutiv für alle sich daraus auch individuell ausprägenden musikalischen Unterrichtsprofile unterschiedlicher Waldorfschulen gelten können. Zumindest zwei dieser Aspekte sollen im Folgenden kurz genannt werden.

In einem Überblick über die Entwicklung der Musik innerhalb der Menschheitsgeschichte stellt Steiner die musikgeschichtlichen Phänomene immer wieder in einen Zusammenhang, der zeigt, dass diese Phänomene Ausdruck bestimmter Fähigkeiten sind, mit Musik oder musikalischen Elementen umzugehen. Sicher unmittelbar aus der mitteleuropäischen Musikgeschichte nachvollziehbar ist beispielsweise die Tatsache, dass sich unser heutiges dreiklangsgeprägtes harmonisches Empfinden erst in relativ junger musikgeschichtlicher Vergangenheit herausgebildet hat. Das aber bedeutet, dass Menschen vor dieser Zeit noch nicht in der Lage waren, ein solches Dreiklangsgebilde in eben dem Sinne zu erleben, wie es uns heute selbstverständlich ist und häufig genug bereits banal anmutet: Es resonierte in der menschlichen Seele noch nichts im Wahrnehmen einer Terz oder eines Dreiklangs. Noch war beispielsweise das Ideal des reinen Quint-Oktav-Klangs für das musikalische Erleben bestimmend. Vergleichbares lässt sich sicher auch für den Vorgang der ´Emanzipation der Dissonanz´ darstellen, der ja vor immerhin etwa 150 Jahren begann und heute immer noch nicht abgeschlossen ist: Nach wie vor ist es vielen Menschen nur schwer oder gar nicht möglich, Dissonanzen im Musikalischen zu ertragen: Das empfindungsmäßige Heil wird in der Harmonie des Dreiklangs gesucht. Steiner macht nun nicht nur darauf aufmerksam, dass derartige Phänomene etwas aussagen über die Tatsache, dass Menschheit sich auch im Hinblick auf ihre seelische Konfiguration verändert und entwickelt, er geht noch einen Schritt weiter und beschreibt Analogien zwischen den sich in musikalischen Phänomenen ausprägenden menschheitlichen Entwicklungsschritten und denjenigen der Individualentwicklung. Daraus leitet er dann konkrete Anregungen für den Umgang mit musikalischen Elementen in verschiedenen Altersstufen ab, die sich auch im Lehrplan der Waldorfschulen wiederfinden. So wird beispielsweise in den ersten zwei Schuljahren noch weitgehend in einer musikalischen Stimmung gearbeitet, die Steiner als "Quintenstimmung" bezeichnet, einer Stimmung, deren Wesen geprägt ist durch den schwebend-offenen Charakter einer Musik, die aus dem Tonmaterial der anhemitonischen Pentatonik entstehen kann. Die Schüler musizieren in dieser besonderen Tonalität mit speziellen Saiten- und Blasinstrumenten, auf denen nicht nur das Reproduzieren von quintenstimmig-pentatonischen Liedern möglich ist, sondern vor allem auch vielfältige Improvisation. Während dieses Musizieren noch weitgehend einstimmig-melodiös ist, wird das Wesen der Mehrstimmigkeit erst in den folgenden Jahren erfahren und mehr und mehr bewusst erlebt, - als unterschiedliche Gefühlsqualitäten je nachdem, ob es sich um eher polyphone oder homophone, mehr dur- oder moll-geprägte Mehrstimmigkeit handelt. Auch dahinter steht der Gedanke, dass zu einem wesensgemäßen "Verstehen" und "Erleben" dieser musikalischen Phänomene die individuell-seelische Entwicklung entsprechende "Resonanz-Fähigkeit" im Innern des jungen Menschen hat entstehen lassen müssen. Das hier exemplarisch dargestellte Prinzip ließe sich an vielen anderen Details des musikalischen Lehrplans und den damit korrespondieren Entwicklungsschritten des Kindes und Jugendlichen auch in den Folgejahren zeigen. An dieser Stelle mag es so genügen.