Anhand der Motivtabelle können diese Aussagen genauer belegt und neue gewonnen werden.

Bild 4

Stravinski: Sacre 18-36, Motivtabelle

Motiv 2 - zeigt eine bitonale Mischung von Es7 und E (original: Fes).
Alle Motive haben einen folkloristischen Touch.
Motiv 1: Es ist der Kern des Stückes. Es entspricht einem in Russland weit verbreiteten Läutemotiv ("Melken"). Es wird dementsprechend ostinat wiederholt (dreitönige Leiermelodik).
Motiv 2: Die jungen Männer, die zu dieser Musik tanzen, sollen nach Aussage Strawinskys "... das Leben aus der Erde herausstampfen." Der kraftvolle Puls der Musik soll den Puls des Lebens in der Natur wecken. Die stampfenden Akkorde sind eine Verdichtung des Läutemotivs.
Motiv 3: Die Akkorde treten nun in gebrochener Form zu dem Läutemotiv hinzu.
Motiv 4: In der Mitte der Männer befindet sich eine uralte Frau. Sie steckt in einem Eichhörnchenpelz und läuft gebeugt über die Erde: Sie ist halb Mensch, halb Tier. Die Chromatik hat etwas Magisches an sich.
Motiv 5: Die Frau schlägt mit Zweigen (schnelle Figuren der Flöten).
Motiv 6: Die alte Frau kennt die Geheimnisse der Natur. Sie ist eine Zauberin, eine Hexe. Sie lehrt die jungen Männer das Weissagen. Das wird durch eine "primitive" Viertonmelodik dargestellt, die ganz oder teilweise, aufwärts oder abwärts, in unregelmäßigen Abständen wiederholt wird. (Wiederholungen gehören immer zur Magie.)
Motiv 7: Nun kommen vom Fluss her die jungen Mädchen hinzu. Sie bilden einen Kreis, der sich mit dem Kreis der jungen Männer vermischt. Wieder erklingt eine einfache Melodie (aus 5 Tönen), sie wirkt aber leichter, weniger brutal. Die Melodie der Mädchen wird öfters wiederholt. Die Musik kreist wieder in endlosen Wiederholungen. Sie wird dadurch zum Spiegel des Kreislaufs der Natur.
Motiv 8: Im nächsten Stück (Jeu du rapt, Z. 53) führt Strawinsky eine feierlich schreitende Melodie ein.

Klangbeispiel 6: Straw Sacre 53.mp3

Sie ist wieder aus nur wenigen (nämlich 4) Tönen formelhaft und unregelmäßig zusammengebastelt. Auch hierfür ist ein Läutemotiv - Glockenmusik war in Rußland die weitverbreitetste Musikform! - als Pendant angeführt, das Elmar Arro als "Glocken von Panikowitschi" überliefert (Beiträge zur Musikgeschichte Osteuropas, Wiesbaden 1977, S. 128. Das folgende Klangbeispiel wurde mit einem Sequenzerprogramm realisiert).

Klangbeispiel 7: Glocken Panikowitschi.mp3